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Heinrich Mann: Der Untertan

Textquelle von Viktor Mann

Im Café Karlsthor, als Corpsier [1] und Senior [2] in Band und Mütze, las ich eines Nachmittages des Frühjahrs 1912 die krasseste literarische Karikatur des Couleurstudententums, die je in Deutschland geschrieben worden ist. Und der Autor war mein Bruder Heinrich.

Der »Simpl« [3] hatte schon im Herbst das erste Kapitel des »Untertan« unter dem Titel »Lebensfrühling« gebracht und »Die Neuteutonen« waren nun der folgende Abschnitt: Diederich Heßlings Studentenzeit. Aber das böse Kapitel bedrückte weder mein Gemüt noch brachte es mich in die Lage, den Dichter gegen die Empörung meiner Bundesbrüder oder anderer Couleurstudenten in Schutz nehmen zu müssen. Die karikierende Übertreibung hatte mit der »Neuteutonia« das Bild einer lächerlichen »Blase« geschaffen, einer minderwertigen Verbindung von Minderwertigen also und der Nachäffung eines Korps, bei der gerade die Unsitten aufs gröbste verstärkt in Erscheinung traten.

So etwas gab es. Wir wußten das und konnten Beispiele aufführen. Wir verachteten derartige Gebilde und bekämpften sie gegebenenfalls. Und da Heinrichs Neuteutonia alle Zeichen eines solchen Mißgewächses trug, entstand der Eindruck, der Autor bekämpfe ausschließlich die Blasen. Er war eines auf sein Wohl geriebenen Salamanders [4] wert. Die Impressionen wurden verstärkt durch Diederich Heßlings Charakter, der ja von Anfang an recht abscheulich schien. So ein Kerl, meinten wir, konnte sich natürlich nur in einer Blase halten. Ein kleiner, feiger Spießer, der den akademischen Bürger markierte, den schwülstigen Patrioten raushing, vor Adel und Garde zusammenklappte und nach unten trat. Wir wußten, daß es Tausende dieses Typs gab und daß iher Hochkommen eine Gefahr war. Wir haßten sie wie der Autor. Also vivat, crescat, floreat [5] der Autor! Nun, im stillen war ich mir auch damals schon bewußt, daß die Dinge nicht ganz so lagen und daß mit den übelsten Spießertyp der bürgerliche Untertan Wilhelms II. schlechthin gezeichnet, mit der Blase Neuteutonia aber die dunklen Seiten des Couleurwesens überhaupt aufgezeigt werden sollten. Verzerrung gehört zur Karikatur, aber sie war die krasse Verdeutlichung vorhandener, nicht erfundener Schwächen. Hierüber viel zu reden hielt ich mich jedoch nicht für verpflichtet, und es freute mich, daß Stellen aus den »Neuteutonen« geflügelte Worte im Korps wurden. »Formen sind kein leerer Wahn«, sagte man scheinbar tiefernst, wenn einer zu offiziell tat, und »Mein Vetter von Klappke!« scholl es drohend einem anderen entgegen, der »angeben« wollte. So also wirkte das zweite Kapitel des »Untertan« auf Couleurstudenten. In München wenigstens und damals. 1919 freilich sollte Heinrich von irgendeinem wirklichen Diederich Heßling, der sich nachträglich getroffen fühlte und das Buch offenbar in den Komplex »Kriegsschuldlüge« einreihte, gefordert werden. Leider habe ich das erst Jahrzehnte später erfahren. Ich hätte mir den Beleidigten so gerne angesehen.

Quelle: Viktor Mann, Wir waren fünf, 4. Auflage, Konstanz, 1986, S. 338-340.

Anmerkungen:

[1] Sprich: [kohrjeh], Angehöriger eines Corps.

[2] Bezeichnung für den für ein Semester gewählten Vorsitzenden einer Verbindung, andere Bezeichnungen: Erstchargierter oder Sprecher.

[3] Gemeint ist die Satirezeitschrift Simplizissimus.

[4] Altes Trinkritual, meist zu Ehren einer Person, der Universität, einer Region oder eines Landes. Herkunft und Hintergrund sind umstritten, s. a.: Markus Gail, Der Salamander, in: CC-Blätter 3/2002, S. 31–32 und Markus Gail, Ad exercitium salamandri!, in: CC-Blätter 3/2002, S. 32.

[5] Es lebe, wachse und blühe …!