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Deutschland, Gott, vereine, Frieden gib und Recht, daß die Sonne scheine für ein frei Geschlecht …

Rede von Vbr. Bertram Vogel, Nibelungia, Frankonia Frankfurt, Hansea Leipzig zu Bielefeld, auf der dritten Greifensteintagung im Oktober 2003 in Bad Blankenburg

»Deutschland, Gott, vereine, Frieden gib und Recht, daß die Sonne scheine für ein frei Geschlecht …« – Viele Jahre haben wir diesen Text gesungen, bis die Grenze, die durch unser Land führte, fiel. Seither ist über ein Jahrzehnt verstrichen und es besteht mancherorts die Neigung, die Zeit der deutschen Teilung als eine ferne Epoche unserer Geschichte anzusehen, die man schnell vergessen sollte.

Ich finde jedoch, daß man sich sehr wohl an diesem Orte, der lange vermißten Heimat der VC-Turnerschaften, Zeit für Erinnern und Gedenken nehmen soll: Des Erinnerns an die sogenannte Realität der deutschen Teilung, also an die entwürdigenden Grenzkontrollen, das viele Stunden lange Warten, bis eine Telephonverbindung zustandekam, die Sorge um den Inhalt von Päckchen, um das Erhalten von Medikamenten, des Erinnerns an die Gefühle bei Wiedersehen und Abschied anläßlich der seltenen Besuche, an die Trauer um einen Bundesbruder, dem man nicht in seiner letzten Stunde beistehen und nicht die letzte Ehre erweisen konnte.

Vergessen seien auch nicht die Worte hochangesehener politischer West-Funktionäre, die unsere Sehnsucht nach einer Beendigung dieser die Menschenwürde täglich verletzenden Trennung, eine Lebenslüge der Deutschen nannten.

Aus der Erinnerung ergibt sich das Gedenken: das Gedenken an alle Menschen, die Opfer dieser Teilung und der sie bedingenden politischen Systeme geworden sind. Es sind dies nicht allein die über 1000 Toten an der innerdeutschen Grenze und die in Gefängnissen und Lagern Hingerichteten und Verstorbenen, sondern auch die noch größere Anzahl der in ihrer Seele verletzten Frauen und Männer, die zum Teil noch heute an ihren nicht verheilten Wunden leiden.

Unserer studentischen Tradition entsprechend gedenken wir darüber hinaus unserer verstorbenen Bundesbrüder und unserer Angehörigen und schließen über die uns bekannten Gestorbenen hinaus insbesondere die Menschen ein, die in beiden Weltkriegen ihr Leben gelassen haben. Sie gehören zu den Millionen Toter, die sich gegen Pauschalverurteilungen nicht wehren können und für die wir in brüderlicher Verbundenheit einzustehen haben, zumal außer uns sich nur zu wenige Deutsche dieser Verpflichtung bewußt sind.

Von den tragischen Verstrickungen in unsere Geschichte sind unsere studentischen Bünde, und in besonderem Maße die Mitglieder der ostdeutschen Korporationen, nicht verschont geblieben.

Wir wissen durch die uns bekannten Schicksale unserer Bundesbrüder und ihrer Familien, daß hinter abstrakten Kollektivbezeichnungen wie »Täter«, »Opfer«, »die Russen« und »die Deutschen« einzelne Menschen mit ihrer nicht wiederholbaren Individualität stehen, und wir sollten uns dagegen wehren, daß Menschen durch solche Zuordnungen zu gesichtslosen Massenartikeln herabgewürdigt werden. Sofern wir Christen sind, wissen wir, daß ein anderer über jeden einzelnen entscheiden wird oder entschieden hat, nicht nach der Uniform, die er getragen hat, nicht danach, ob er Sieger war oder zu den Besiegten gehörte oder von welcher politischer oder moralischer Qualität diejenigen waren, die ihn in den Tod geschickt haben.

In dieser Stunde wollen wir jedoch auch unserer tiefen Dankbarkeit dafür Ausdruck geben, daß die Vereinigung Deutschlands ohne Blutvergießen, ohne Gewalt und ohne drastische Eingriffe der Machtblöcke, deren Spielfigur Deutschland seit 1945 war, zustandegekommen ist. Dankbarkeit auch dafür, daß es uns Deutschen – vielleicht zum ersten und einzigen Mal – gelungen ist, einen Zipfel vom Mantel der Geschichte zu ergreifen, um zur Einheit in Freiheit zu kommen.

Einheit in Freiheit, das bedeutet seither für alle Deutsche, die auf dem Territorium der Bundesrepublik leben – für jeden Einzelnen von uns in seinem täglichen Leben – Reisen ohne Vorschrift, Lesen ohne vorherige Zensur, Kirchenbesuch ohne Kontrolle, Briefe, denen ihr Geheimnis bleibt, Musik, Literatur und Zeitungen ohne Index und Information, woher man sie auch beziehen will.

Trotz dieses unendlich kostbaren Rahmens ist die Bundesrepublik des Jahres 2003 nicht mehr die von 1990. Anstelle des Optimismus von damals greift Angst um sich.

Im Rahmen einer seriösen Umfrage stand bei den Bundesbürgern mit 44 % die Angst vor einer weiteren Verschlechterung der Wirtschaftslage an der Spitze, gefolgt von Angst vor einem weiteren Anstieg der Lebenshaltungskosten und der Angst vor der hohen Arbeitslosigkeit in Deutschland (beide mit gleich hohem Stellenwert).

Hand in Hand mit diesen Feststellungen geht die gleichfalls stark gestiegene Sorge vor fehlender Bürgernähe der Politiker.

Es wurde bislang noch nie eine so starke Erschütterung des Selbst- und Weltbildes der Bevölkerung gemessen, wie in der jüngsten Umfrage.

Erfahrungsgemäß ist aber Angst die Voraussetzung dafür, daß es Demagogen gelingt, Menschen zu manipulieren. Jeder von uns erinnert sich an Beispiele, in denen geschürte Angst zu Hysterie führte.

Menschen, die politische Vorgänge nicht mehr begreifen können, verlieren eben das Vertrauen zu dem was sie »Politik« nennen und neigen dazu, sich in Zeiten politischer oder wirtschaftlicher Unsicherheit lautstarken oder sogar militanten Minderheiten anzuschließen, die ihnen innerhalb ihrer Gruppe abgesichert erscheinende Lösungen anbieten.

In unserer Gegenwart gibt es ausreichend Beispiele dafür, daß Gruppen Vorteile erstreiten können, die letzten Endes zu Lasten der weniger gut organisierten Menschen z. B. der Alten oder sogar der Mehrheit des Volkes gehen. Das erfolgreiche Wirken von Interessengruppen pervertiert aber den Sinn einer freiheitlichen Demokratie, und dem Vertrauensverlust, den Politiker und deren Parteien offensichtlich bereits unterliegen, folgt der Verlust des Vertrauens in die nach den Erfahrungen des vorausgegangenen Jahrhunderts für uns Deutsche lebenswichtige Staatsform, die Demokratie.

Ich will nicht das Jahr 1933 heraufbeschwören, in dem nicht geringe Teile des Volkes über ihre Stimmzettel dokumentierten, daß eine Demokratie, also eine freiheitliche Staatsform, nicht die Lösung ihrer persönlichen, dringenden Probleme gewährleistete, und auch nicht, daß die deutsche Einheit von 1990 sich zum Teil daraus ergab, daß die Menschen in der DDR auf die Reformunfähigkeit des herrschenden Systems reagierten.

In beiden Fällen war eine andere Verfassung bzw. Verfassungswirklichkeit gegeben als heute in der Bundesrepublik.

Allerdings braucht diese Bundesrepublik von heute einen Consensus über die Werte, die das Land tragen.

Im ersten Jahrzehnt ihres Bestehens gab es aus der Erfahrung nationaler Irrwege, Krieg und Not einen stillschweigend vereinbarten Gesellschaftsvertrag, der die Grundlage für den Erfolg unseres Gemeinwesens bildete. Nach und nach ist diese Wertegemeinschaft auf dem Weg ins 21. Jahrhundert zerbröckelt.

In bewußtem Kontrast zu der allgemein beklagten Entwicklung stehen seit jeher unsere Bünde des CC. Unser Jahresmotto »Studentische Korporationen – Werte (er)leben« ist kein griffiger Slogan für unsere Nachwuchswerbung, es ist vielmehr die in knappe Worte gefaßte Wirklichkeit der von uns praktizierten Pflege von Tugenden, die das menschliche Zusammenleben gewährleisten. Wenn man uns wegen dieser Einstellung »Ewiggestrige« nennt, wollen wir das mit gutem Gewissen sein.

Und unser Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik ist kein inhaltleeres Lippenbekenntnis: Durch diese Grundordnung erhielten wir, nach dem Verbot durch die Nationalsozialisten und nach dem Zusammenbruch von 1945, die große, die letzte Chance, der Tradition unserer Bünde eine Zukunft zu geben.

Die letzten Zeilen unserer Nationalhymne mögen uns als Mahnung dienen, nicht zu vergessen, daß zum Glücke sowohl der Nation als auch des einzelnen Einigkeit und Recht und Freiheit als Ganzes, also untrennbar und mit gleichem Gewicht untereinander gehören.

Auch, damit wir uns unter ihrem Schutz stets auf dem Greifenstein versammeln können.