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Festrede zum Deutschlandkommers 2010 in Stuttgart am 25.09.2010

Sehr geehrtes Präsidium, verehrter Herr Dr. Weiß, verehrter Herr Kanitz, Herr Vizepräsident Wieland, Herr Bürgermeister Föll, Herr Oberbürgermeister Kastner, meine sehr verehrten Herren.

Hoffentlich verspreche ich mich während des Abends nicht. Es ehrt mich, dass Sie mich zu ihrem Deutschland-Kommers eingeladen haben. Ich bin ausgesprochen gerne gekommen, und ich bedanke mich herzlich für die Einladung. Der Zufall will es, dass ich unmittelbar von Bad Blankenburg komme, der Heimat der Turnerschaften. Und deswegen einen herzlichen Gruß aus der Mitte Deutschlands.

Wenn die Kommersleitung vorhin Goethe auf den zweiten Platz gesetzt hat, hier in Stuttgart, dann komme ich nicht umhin, von Erfurt her, Baden Württemberg als das zweitschönste Land zu bezeichnen.  Sie, meine Herren, der Coburger Convent, hat sich um die Deutsche Einheit verdient gemacht, weil sie zu denen gehören – und das waren in den Jahren  der deutschen Teilung in Westdeutschland nach 1949 von Jahr zu Jahr immer weniger –, die sich zur Deutschen Einheit bekannt haben und dieses Bekenntnis öffentlich gemacht haben. Gerade ist schon von den Herrn Kanitz und Herrn Dr. Weiß darauf hingewiesen worden, beispielsweise über fast 40 Jahre zu Pfingsten in Coburg aber darüber hinaus in der ganzen Bundesrepublik. Ich möchte deswegen dafür beim Coburger Convent mich ausdrücklich bedanken. Denn meine Herren, sie haben dadurch das besondere Recht in diesem Jahr zwanzig Jahre Deutsche Einheit zu feiern.

Meine Herren, wir sollten nicht vergessen, in der ehemaligen DDR haben die Menschen zu über 90 Prozent über vier Jahrzehnte auf die Wiedervereinigung gehofft. In der Bundesrepublik dagegen haben sich viele mit den Realitäten abgefunden, nicht mehr an die Wiedervereinigung geglaubt, ja sogar sie gar nicht mehr gewollt. Viele waren zum Beispiel bereit, die sogenannten Gerarer-Forderungen Erich Honneckers zu akzeptieren: die gemeinsame Staatsbürgerschaft abzugeben, den Flüchtenden also nicht mehr deutsches, westdeutsches Bürgerrecht zu gewähren, Botschaften einzurichten und die Erfassungsstelle der Untaten an der innerdeutschen Grenze in Salzgitter abzuschaffen. Und wir sollten bei aller Freude über das Erreichte nicht vergessen, dass es in Deutschland Politiker gab, höflicherweise nenne ich keinen Namen, die noch im September 1989 sagten: Vergessen wir die Wiedervereinigung, sie glauben daran, ich glaube nicht daran, warum halten wir nicht die nächsten zwanzig Jahre die Schnauze dazu. Gott sei Dank haben sie und andere in Deutschland nicht die Schnauze gehalten. Übrigens, nebenbei bemerkt, im Bundesrat haben zwei Ministerpräsidenten, haben das Saarland - den Namen des damaligen Ministerpräsidenten habe ich gerade vergessen - und Niedersachsen gegen den Einigungsvertrag gestimmt. – Im Sommer 1990!

Aber erinnern wir uns: Lassen sie uns ein bisschen weiter zurück gehen. Nach dem Sieg der Alliierten über Hitlerdeutschland waren die Vorstellungen der Großmächte über das künftige Deutschland sehr unterschiedlich. Die Sowjetunion hielt zunächst am entschiedensten an der Einheit Deutschlands fest und wie Dominosteine fielen nach 1945 die ostmitteleuropäischen Staaten dem Kommunismus anheim: Polen, Ungarn, die Baltischen Staaten, alle nach einander. Das Festhalten an der Einheit Deutschlands war für die Sowjetunion mit der Erwartung verbunden, das würde so weitergehen und auch Deutschland werde ein kommunistisches Land werden. Konrad Adenauer hatte ein anderes Konzept. Um es ganz kurz zu erläutern: Freiheit vor Einheit, um am Ende Einheit in Freiheit zu sichern: Verteidigung der Freiheit im Westen Deutschlands, um im Osten Deutschlands die Freiheit herbei zu führen. Deswegen Suche nach der Partnerschaft mit dem Westen und Verteidigung der Freiheit. Im Osten Deutschlands ist das nicht immer verstanden worden. Und das Stalinsche Angebot der Neutralisierung Deutschlands schien vielen eine Möglichkeit, zur Einheit zu kommen. Noch heute ist es leicht in  den neuen Ländern eine Willi-Brandt- oder Ludwig-Erhardt-Straße durchzusetzen, aber Konrad-Adenauer-Straßen finden sie nur vergleichsweise selten. Als die Sowjetunion erkannte, dass es Adenauer ernst war, dass die westdeutschen Wähler dies unterstützten und dass die westlichen Alliierten bereit waren, Deutschland wieder als Gesprächspartner aufzunehmen, entstand die DDR, ein Satellit der Sowjetunion  -  für Jahrzehnte ein totalitäres System. Keine Demokratie, sondern die Herrschaft der Arbeiterklasse und das heißt die Herrschaft der SED. Kaum ein Westdeutscher hat je einmal die Verfassung der DDR gelesen. Und die Ostdeutschen nur, wenn sie es mussten. Und darum nehme ich mir das Recht, einen Artikel, nämlich den ersten Satz des Artikels eins der DDR-Verfassung von 1974 zu zitieren: Die Deutsche Demokratische Republik ist ein sozialistischer Staat der Arbeiter und Bauern. Sie ist die politische Organisation der Werktätigen in Stadt und Land unter Führung der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei. In welcher Verfassung der Welt, die sich demokratisch oder freiheitlich nennt, steht die Vorherrschaft einer Partei in der Verfassung?

Meine Herrn, die DDR war ein Unrechtsstaat, und für mich bedarf es dafür keiner Diskussion. Wer keine freie Presse zulässt, wer Wahlen fälscht, wer kein Verfassungsgericht, wer nicht einmal Verwaltungsgerichte zulässt, und wer an seinen Grenzen Kanonen aufstellt, nicht um Eindringlinge abzuwehren sondern um eigene Bürger an der Flucht zu hindern, der lebt in einem Unrechtsstaat, meine Herren. Und wer noch im Jahre 1989 189Tausend inoffizielle Mitarbeiter der Stasi finanziert, einen Stasimitarbeiter auf 89 Einwohner, der lebt in einem Unrechtsstaat. Damit soll aber gleich auch das hinzugefügt werden, die alte Bundesrepublik und auch die neue ist kein idealer Staat. Ideale Staaten gibt es nur in der Utopie. Und da müssen sie Thomas Morus lesen, wenn sie wissen wollen, was ein idealer Staat ist. Wir hier haben einen Staat von Menschen, für Menschen, mit Menschen. Wir haben einen Rechtsstaat, aber wir leugnen nicht, dass es auch Fehler und Schwächen gibt.  Und das muss ganz deutlich gesagt werden. Aber, wenn ich Unrechtstaat sage in Bezug auf die DDR, dann darf hier in Westdeutschland nicht vergessen werden - trotz Stasi und Unrecht und Diktatur: 17 Millionen Menschen haben dort ihr Leben gelebt, ihre Leistung erbracht, ihre Bemühungen erbracht, ihre Kinder zu erziehen: Sie hatten es schwerer als wir. Die in Jena hatten es schwerer als die in Stuttgart. Und deswegen darf die Geschichte, die Geschichte Deutschlands nicht auf Westdeutschland verengt werden. Auch das Leben der Menschen in der ehemaligen DDR ist Teil unserer deutschen Geschichte der letzten 50 Jahre. Immer wieder haben die Menschen in den dem Kommunismus anheimgefallenen Ländern versucht, das Joch abzuwerfen. Die ersten übrigens waren Deutsche am 17. Juni 1953. Sie wissen, das ist gescheitert. Der Aufstand in Ungarn ist gescheitert, der Aufstand in Prag ist gescheitert. Dann im Sommer 1989 in Polen die ersten einigermaßen freien Wahlen. Zu Hunderten flüchten Deutsche in die deutschen Botschaften in Prag, in Budapest, in Warschau und anderswo. Es findet das paneuropäische Picknick zwischen Österreich und Ungarn statt und die Ungarn haben den Mut, die Grenze aufzuschneiden und den Menschen Freiheit zu gewähren. Und in Ostdeutschland: zunächst sammeln sich die Menschen in den Kirchen und als die Kirchen sie nicht mehr fassen können, dann gehen sie auf die Straße. Und Deutsche bringen etwas fertig, was in der ganzen Welt Deutschen niemand zugetraut hat  -  eine Revolution! Bei Lenin können sie lesen: „Die Deutschen werden keine Revolution zuwege bringen. Denn wenn sie einen Bahnhof erstürmen müssen, lösen sie erst eine Bahnsteigkarte.“ Meine Herren, Deutsche galten nicht als geeignet für eine Revolution. Und deswegen bleibt es ein Wunder, dass eine totalitäre Diktatur, ein Staat, der bis zu den Zähnen auf alles gewappnet war, zusammenbrach, weil Menschen mit Kerzen in den Händen, Gebeten auf den Lippen und Angst im Herzen auf die Straße zogen. Und es gelang eine friedliche Revolution. Es floss kein Tropfen Blut, es fiel kein Schuss. Meine Herren, wenn wir uns darüber freuen, dass das eine friedliche Revolution war, dann dürfen wir nicht eine Stunde später beklagen, dass nach einer friedlichen Revolution alle noch da  sind. Das war in Paris 1789 anders. Das auch zu akzeptieren, dass wir die Freude über die Friedlichkeit akzeptieren, und mit denen, die noch da sind, die Auseinandersetzung suchen, und ihnen unsere Position klar machen, weil wir nicht wollen, dass ein Stasi von gestern eines Tages als Staatssekretär in eine deutsche Landesregierung oder in die Bundesregierung einzieht. Das Ziel der Menschen auf den Straßen im Oktober und November war klar: man wollte Reformen in der DDR. „Wir sind das Volk!“ war das Motto. An Wiedervereinigung wagte noch niemand zu denken. Und eine so großartige Frau wie Bärbel Bolay beispielsweise, die vor ein paar Tagen gestorben ist, dachte an Reformen in der DDR. In der Küche von Ramsla, der Pfarrküche von Christine Lieberknecht, ist der Brief aus Weimar geschrieben worden. Da ging es um Reformen in der Blockpartei, nicht um Wiedervereinigung. Aber dann kam der 9. November und die ungelenke Bemerkung eines im Westen völlig unbekannten SED-Funktionärs, der übrigens ganz falsch verstanden worden ist, denn er hat ja nur davon gesprochen, dass ab sofort Anträge gestellt werden können, führte dann zu jenen Szenen am 9. November eineinhalb bis zwei Stunden nach der Pressekonferenz am Brandenburger Tor. Von diesem Moment an hieß der Ruf nicht mehr: „Wir sind das Volk!“ sondern „Wir sind ein Volk!“. Und heute, 20 Jahre später stelle ich fest, ganz weniges hat man so gut in Erinnerung, kaum einer, der älter als 30 Jahre ist, weiß nicht genau, was er an diesem 9. November abends  getan, gehört, gesehen oder gedacht hat. Ich war an diesem Abend in Warschau in der Begleitung des Bundeskanzlers beim Abendessen bei Tadeusz Mazowiecki, dem Ministerpräsidenten und wir trauten unseren Ohren nicht. Und das „Schlimmste“ war, wir waren in Warschau!

Wir sind ein Volk, das war von diesem Tag an die Forderung. Und wer jetzt heute lange Diskussionen darüber entfacht, ob man das dann richtig gemacht hat mit dem Beitritt der neuen Länder, der hat keine Ahnung von der Situation vom November und Dezember 1989 und Anfang 90. Es ist sehr deutsch, jetzt zu sagen, man hätte ganz neu anfangen und eine neue Verfassung, für alle eine neue Nationalhymne und was weiß ich alles machen können. Meine Damen und Herren, weltfremder geht es nicht. Das Grundgesetz hat doch gerade triumphiert, auch bei den Westdeutschen, als man merkte, dass dieser 17Millionen Ostdeutsche in diese Bundesrepublik eintreten wollten, so wie Jahrzehnte vorher die Saarländer eingetreten sind, als Frankreich sie frei gab. Niemandem ist das Grundgesetz übergestülpt worden. Die DDR ist nicht der Bundesrepublik zugeschlagen worden, sondern die erste freigewählte Volkskammer hat beschlossen, beizutreten. Und das muss man heute in Erinnerung rufen. Ich habe immer an die Wiedervereinigung geglaubt und auf sie gehofft, aber dass ich sie erleben würde, das habe ich nicht für möglich gehalten. Und zwei Jahre nach dem November  –  ein bisschen mehr als zwei Jahre später  –  hat man mich nach Erfurt gerufen, und ich habe mich auf das größte Abenteuer meines Lebens eingelassen. Und bin dankbar, dass ich den Umfang des Abenteuers nicht kannte, als ich mich darauf einließ.

Der Zusammenbruch  oder die Wiedervereinigung kam über Nacht. Es gab keine Vorlaufzeit. Meine Herren, Deutsche pflegen, wenn schwierige Probleme auftauchen, eine Kommission zu bilden, sie nach ihrem Vorsitzenden zu nennen, zwei Jahre tagen zu lassen, dann die Ergebnisse zu beraten und dann zu beschließen, was zu geschehen hat. Nein, über Nacht musste gehandelt werden. Ohne dass irgendjemand in irgendeiner Schublade einen Plan hatte. Hätten wir bei den Haushaltsberatungen 1988 oder 89 im Bundestag fünf Millionen DM damals beantragt  zur Vorbereitung der Wiedererrichtung des Freistaats Sachsen, wer das beantragt hätte, selbst wenn er in der CSU-Fraktion gewesen wäre, wäre als Kalter Krieger aus dem Saal getrieben worden. Es gab ein Ministerium für Gesamtdeutsche Fragen, ein Ministerium für Gesamtdeutsche Antworten gab es nicht! Und ich habe gelernt, dass entschieden werden muss, und ich rufe allen, die jetzt entscheiden müssen zu, besser zehn Entscheidungen getroffen und davon zwei falsch, als aus Angst vor zwei falschen Entscheidungen keine zu treffen. Deswegen habe ich keine Mühe, es fällt mir kein Zacken aus der Krone. Ja wir haben auch Fehler gemacht. Aber zustande gebracht haben wir gleichwohl etwas. Und ich lese jetzt mit Interesse die Promotionen und Habilitationen, was wir alles hätten anders machen können, (der nächste Satz ist nicht ernst gemeint:) bei der zweiten Wiedervereinigung machen wir alles viel besser, meine Herren. Die Menschen haben zugepackt. Und vergessen Sie nicht, in der Bundesrepublik 1945 lag die Weimarer Republik 13 Jahre zurück. 1989 lag die letzte Erfahrung mit Demokratie 56 Jahre zurück. Es gab niemanden mehr, in keiner Stadt, in keinem Kreis, der Erfahrung hatte mit Demokratie und Parlamentarismus. Und deswegen, dass Menschen sich bereitfanden, Aufgaben zu übernehmen, für die sie nicht vorbereitet waren und die sie nicht kannten und die sich trotzdem zur Verfügung stellten, diesen Menschen gebührt ein Denkmal, meine Herren.

Natürlich, die Revolution ist das Verdienst der Deutschen in der damaligen DDR. Aber die hätte nicht zur Wiedervereinigung geführt, wenn Gorbatschow sich verhalten hätte wie seine Vorgänger 1953. Und darum darf nie vergessen werden, wenn über die Wiedervereinigung gesprochen wird, Gorbatschow dafür zu danken, dass die sowjetischen Soldaten in den Kasernen blieben und die Panzer nicht gerollt sind,  und hinzu dem alten Busch, Busch-Vater, zu danken, dass er der erste war, der zu dem stand, was manche westeuropäischen Staatsmänner über Jahrzehnte gesagt hatten, man sei für die Wiedervereinigung, sondern dass er der erste war, der auf unserer Seite stand. Durchaus aus guten Gründen, das will ich gar nicht verkennen, war das in Paris und bei der Lady in London anders und der italienische Außenminister hat damals gesagt: „Ich liebe Deutschland so sehr, dass ich zwei davon haben möchte“. Nein, auch George Busch hat Dank verdient, dass er auf unsere Seite trat und uns half, das Werk zu bewältigen, das zu bewältigen war. Und natürlich, wenn Helmut Kohl als Kanzler die Chance nicht erkannt hätte und diesen ganz schmalen Spalt nicht genutzt hätte, dann säßen wir heute nicht hier, um 20 Jahre Wiedervereinigung zu feiern. Ich will ausdrücklich sagen, auch aus dem Westen kam viel Hilfe. Mehr als irgendwo anders in der Welt ein Teil eines Landes einem anderen zu Teil werden lässt. Dass in einer großen Herde  -  ich meine jetzt die, die kamen um zu helfen  -  in einer großen Herde von Schafen gelegentlich auch ein schwarzes Schaf ist, haben wir schon vorher gewusst und das hat sich wieder bestätigt. Aber es gibt Grund zu wechselseitiger Dankbarkeit. Die Westdeutschen haben Grund, Ostdeutschland zu danken, die eine Revolution zustande gebracht haben. Und die Ostdeutschen haben Grund, den Westdeutschen zu danken, dass sie geholfen haben in hohem Ausmaß.

Über Jahrzehnte hat man versucht, die ökonomische Situation der DDR zu verschleiern. In jedem Gespräch, das ich mit Honnecker hatte, noch bei seinem Besuch in Trier, bei seinem Besuch in der Bundesrepublik 1987, hat er mir gesagt, die DDR sei die zehntstärkste Wirtschaftsnation der Welt. Das habe ich ihm nicht geglaubt, aber den tatsächlichen Zustand habe ich in der Tat nicht gekannt, und ich behaupte, auch die, die  jetzt behaupten, sie hätten ihn gekannt, haben ihn nicht gekannt. Egon Krenz noch hat seinen Fachmann Gerhard Schürer beauftragt, eine ungeschminkte Analyse des Zustands der DDR in der ökonomischen Situation zu machen. Und das Ergebnis spricht Bände: Um 25 bis 30 Prozent müsste der Lebensstandart reduziert werden  und die DDR sei praktisch unregierbar.

Das ist der Grund, warum auch die heute über die Wiedervereinigung und den Fall der Mauer sehr bald der Schatten der wirtschaftlichen Schwierigkeiten fiel. Und ich habe gelernt, dass manchmal Umbau schwieriger ist als Neubau, dass es leichter war, den Trümmerhaufen Bundesrepublik nach 1948 aufzubauen  als  aus sozialistischer Zentralwirtschaft eine soziale Marktwirtschaft zu machen - zumal Sie in jeder deutschen Universitätsbibliothek viele Bücher entleihen konnten, wie man aus Kapitalismus Sozialismus macht, aber das erste Buch, wie man aus Sozialismus soziale Marktwirtschaft macht,  ist erst in den letzten zwanzig Jahren geschrieben worden. Und aus diesem Grund war das und ist das noch heute mit die schwierigste Aufgabe. Niemand mehr hat nach dem Fall der Mauer im Osten gekauft, was im Osten produziert wurde; und was im Osten produziert wurde, hat niemand mehr abgenommen. Ein einfaches Beispiel: in Eisenach,  wo seit über hundert Jahren Autos gebaut werden, hat man den Wartburg gebaut.  Zehntausend Mitarbeiter hatte die Firma. Und die Bürger mussten zehn bis elf Jahre warten, bis sie einen Wartburg bekamen. Als wir kamen, eine neue moderne Fabrik zu bauen - und sie wurde gebaut! -  und zweitausend dieser zehntausend Mitarbeiter von Wartburg haben dort bis heute einen Arbeitsplatz.  (Jetzt sind es, glaube ich, sechzehn bis siebzehnhundert.) Und meine Herren, nach einigen Monaten haben die viermal so viel Opels gebaut als vorher Zehntausend den Wartburg gebaut haben. Hätten wir denn die weiter Wartburg bauen lassen sollen und auf Wiesen stapeln sollen? Natürlich hätten die Menschen auch im Osten Opel oder Ford oder Volkswagen oder dergleichen gekauft. Das ist keine Folge der Wiedervereinigung, sondern eine der schwersten Folgen der Teilung. Und wenn Sie es richtig sehen, eine der letzten Folgen des von Hitler vom Zaun gebrochenen zweiten und von uns verlorenen Zweiten Weltkrieges. Und deswegen hat es länger gedauert als wir dachten, bis blühende Landschaften entstanden. Aber meine Herren, es sind inzwischen blühende Landschaften entstanden, und wer das nicht glaubt, der fahre mal nach Erfurt oder nach Jena, fahre nach Dresden oder nach Potsdam. Inzwischen muss man aufpassen, dass westdeutsche Besucher nicht neidisch zurückkehren. Zwei Westdeutsche fahren mit dem Auto von Frankfurt nach Erfurt und bei Bad Hersfeld im hessischen Norden fragt der eine den anderen: „Wo war denn eigentlich die Grenze, wo sieht man das denn noch?“, und der  andere antwortet: „Ganz einfach, wo die A 4 sechsspurig wird, dort beginnt Thüringen.“ Ich verstehe in Sonderheit in Schwaben, dass es gelegentlich Neid gibt, aber ich appelliere daran, ein bisschen Verständnis zu haben, dass wir beispielsweise neue Krankenhäuser nicht so bauen, wie vor dreißig Jahren hier Krankenhäuser gebaut worden sind, sondern auf heutigem Stand. Und dass wir darauf hinweisen, hier gab es schon seit dreißig Jahren nicht mehr die Situation, die ich in Thüringen angetroffen habe: Sieben in einem Zimmer, ohne Nasszelle und ohne Toilette.

 Die Wiedervereinigung war eine Sternstunde. Das geben viele zu, aber viele hören nicht zu und beachten nicht, eine Stunde hat sechzig Minuten. Und die Wiedervereinigung war nicht der Beginn eines Sternzeitalters, sondern ein ungewöhnliches Erlebnis, auf das - wie auf andere Sternstunden der Weltgeschichte auch - die Mühen der Ebene folgten. Große Herausforderungen waren zu schultern und neue Herausforderungen stehen nach zwanzig Jahren natürlich noch vor uns.

Erinnern was war, hat doch nicht nur den Grund, dass man weiß, was gewesen ist, sondern auch den Grund, dass wir den Jungen erzählen, was war. Weil wir möchten, dass sich nie wiederholt, was gewesen ist. Und deswegen darf es nicht vergessen werden, meine Herren! Wir müssen dafür sorgen, dass es sich nicht wiederholt. Und wir müssen für die Zukunft dafür das Notwendige tun. Geschichte ist nicht nur dazu da, zu wissen was war, Geschichte ist dazu da, zu wissen, woher man kommt, wo man sich befindet und wohin man in Zukunft gehen will. Ein kluger Mann hat zu Recht gesagt, Geschichtslosigkeit führt in die Barbarei. Und deswegen meine ich heute, zwanzig Jahre nach dieser Sternstunde hat sich Deutschland in der Tat verändert. Da gab es Leute, die meinten, in der DDR müsse sich alles ändern, hier könne alles so bleiben wie es war. Ein großer Irrtum! Nicht nur der Osten hat vom Westen gelernt, sondern der Westen hat sich ebenfalls verändert. Deutschland ist souverän geworden. Es war zwar schrecklich aber bequem, die Verteidigung der Freiheit in Deutschland französischen, englischen und amerikanischen Soldaten zu überlassen. Jetzt müssen wir auch einen Beitrag zur Verteidigung der Freiheit und der Sicherung des Friedens  in der Welt leisten. Das ist unbequemer, aber ganz ohne Frage eine Folge der erreichen Souveränität. Unsere Situation in Europa als starke, wirtschaftlich starke, bevölkerungsstarke Kraft ist eine verantwortliche Position, aber es ist die Voraussetzung dafür, dass wir zum ersten Mal seit Jahrhunderten jungen Leuten sagen können, wie sie hier sitzen, eines ist sicher, ihr werdet nicht mit 25 oder 26 auf einem Schlachtfeld in Frankreich, in Belgien, in Polen oder Deutschland euer Leben beenden. Und wer fragt, warum wir Europa brauchen, dem empfehle ich, Soldatenfriedhöfe zu besuchen. Besser fünf Milliarden nach Brüssel überwiesen, als zehn Milliarden für eine Woche Krieg ausgegeben, meine lieben Herren.

Auch die politische Landschaft in Deutschland hat sich verändert. Selbstverständlich. Weil es uns nicht gelungen ist, eine linksextreme Partei in den neuen Ländern zur Regionalpartei zu machen, erleben wir, dass sie in die meisten deutschen Landtage eingezogen ist und in den Bundestag. Ich bin strikt dagegen, das zu verbieten, aber ich bin entschieden dagegen, sich damit auseinander zu setzen. Es ist Zeit, meine Herren, endlich Schluss zu machen ständig von Ost und West, von Ossis und Wessis zu reden. Das war immer falsch, das war immer falsch, das ist aber inzwischen doppelt falsch. Es gibt den „Wessi“ nicht. Der Münchner ist anders als der, der in Cuxhaven lebt. Und selbst, wenn wir vergleichbare Lebensbedingungen wollen, wir wollen aus Cuxhavenern keine Oberbayern und aus Oberbayern keine Saarländer machen. Wir müssen beginnen, Unterschiede im Osten und Unterschiede im Westen und Unterschiede im Norden und Unterschiede im Süden zu sehen und gleichzeitig darauf zu bestehen, dass es zu Deutschland gehört, dass jede Landschaft ihr Profil hat. Es wäre schrecklich wenn es die schwäbische Hausfrau nicht gäbe, und es wäre noch schrecklicher, wenn es die Sachsen nicht mehr gäbe. Sondern es soll auch in Zukunft sein. Verändert hat sich auch: Unser Feind ist tot!  Auch das hat sich verändert: Wir haben den Feind, den Kommunismus nicht mehr als Gegenwart. Und manche haben gemeint, das sei das Ende der Geschichte. Pfeifendeckel, aber das war nur das Ende eines Kapitels der Geschichte. Die Geschichte wird weiter geschrieben, jeden Tag eine Zeile, hier in Stuttgart und Berlin und in Brüssel und in Paris und in Washington und gegenwärtig in New York. Nein, die Zeit geht weiter, aber in dieser Situation, wo neue Themen auf den Tisch gekommen sind! Ich bin eingeladen worden, über die zwanzig Jahre zu sprechen, über die neuen Themen – ich rede ohnehin schon zu lange, aber sie kennen die Themen, die Wirtschaftskrise, die Währungskrise, die Frage der Globalisierung, die demografische Entwicklung, die Umwelt, ich kann die Themen nicht alle nennen. Das ist doch nachdem, was wir erlebt haben, kein Grund zur Resignation. Unsere Geschichte, die deutsche Geschichte im zwanzigsten Jahrhundert hat uns doch zwei Lehren erteilt: Sie hat uns die Lehre erteilt, was passiert, wenn wir nicht aufpassen. Hitler wäre verhinderbar gewesen, wenn es nicht nur eine demokratische Verfassung sondern mehr Demokraten gegeben hätte  in Deutschland. Das ist die eine Erfahrung. Und die andere Erfahrung ist: Weil wir Hand angelegt haben, ist in den letzten fünfzig Jahren viel erreicht worden, auf das wir stolz sein können. Sicher, wir werden die schrecklichen Geschehnisse in der Mitte des letzten Jahrhunderts nicht vergessen dürfen, auch nicht relativieren oder irgendetwas ausrechnen, sondern dazu müssen wir uns, so schwer das auch fällt, bekennen. Aber wir dürfen uns auch dazu bekennen, dass dieses Deutschland in den letzten fünfzig Jahren Großartiges geleistet hat. Wenn man hier überall denen, die hier sitzen, gesagt hätte, wir werden Deutschland wieder aufbauen, wir werden wieder einen Platz in Kreis der freien Völker  haben, wir werden zwölf Millionen zwar nicht ihre, aber eine zweite Heimat geben  und wir werden am Ende die Wiedervereinigung erreichen, wer mir das in diesem Alter gesagt hätte, den hätte ich zum Arzt geschickt und gebeten, ihn auf seinen Gesundheitszustand zu untersuchen. Es ist gelungen, deswegen, weil wir uns engagiert, weil wir die Ärmel hochgekrempelt haben, weil wir die Chance genutzt haben. Und das heißt, dass wir heute, ohne irgendetwas in der Geschichte auszuklammern, auch wieder stolz auf Deutschland sein können. Nie wieder jene unselige Einbildung über alles, sondern ganz einfach so wie jeder Franzose stolz darauf ist, ein Franzose zu sein und jeder Brite stolz darauf ist, ein Brite zu sein, so können auch wir wieder stolz darauf sein, Deutsche zu sein. Und daraus  geht für mich die Botschaft an die nachfolgende Generation, meine kann da nicht mehr viel anrichten, an die nachfolgenden Generationen: Nehmt die Erfahrung zur Kenntnis. Seit ins Gelingen verliebt, nicht ins Scheitern! Packt an, engagiert Euch! Und engagiert euch nicht nur für  den eigenen Beutel, sondern für das Gemeinwohl! Menschen brauchen andere Menschen, sonst wäre niemand auf die Welt gekommen, wenn das nicht stimmte. Menschen brauchen auch andere Menschen, um ein erfülltes Leben führen zu können. Und aus diesem Grund, dann wenn das geschieht, dann werden wir auch in Zukunft des Glanzes Glück blühen sehen in unserem Vaterland, aber das kann auch alles den Bach herunter gehen. Und Friedrich Nietzsche hat den bedeutenden Satz gesagt: „Die Deutschen sind zu großen Dingen fähig, aber es ist unwahrscheinlich, dass sie sie tun. Wir haben in den letzten Jahrzehnten Nietzsche widerlegt und ich fordere Sie und alle auf, sorgen Sie dafür, dass das auch für die Zukunft widerlegt bleibt.