Rede von Vbr. Dr. Kujaw am Ehrenmal auf dem Pfingstkongreß 2007
Von Dr. Jörg Kujaw, Landsmannschaften Teutonia Bonn und Palaeomarchia Halle
Wir stehen hier, um derer zu gedenken, Männer wie Frauen, die in einem Jahrhundert gelebt haben, das wohl die fürchterlichsten Kriege aller Zeiten hervorgebracht hat, woraus wiederum unendlich viele kriegerische Handlungen unserer heutigen Zeit entstanden sind. Diese Männer und Frauen mußten ihr Leben lassen in aussichtloser Lage. Schauen wir genau hin, so drängt sich immer wieder das Wort 'sinnlos' auf, mögen die Verursacher in ihnen auch irgendeinen Sinn erkannt haben, einen oft schwer begreiflichen Sinn wie etwa
- die Schaffung größeren Lebensraums
- die Vernichtung ganzer Volksgruppen aus ethnischem Haß
- die unbedingte Einführung von Demokratie, ohne zu bedenken, dass andere
- Regierungsformen vielleicht sinnvoller wären
- die Verbreitung eines Glaubens, der mittelalterliche Züge trägt
- das Festhalten an einem Glauben, einer Überzeugung
»Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten« – welch innerlicher Stärke bedurfte eine solche Einstellung im Angesicht des Todes
- des Todes im Feld,
- des Todes im Strafvollzug wegen 'vaterlandsverachtender Einstellung, wie es
- in Urteilen im Dritten Reich so oft hieß. Vaterlandsverachtend für den Nazi - Richter,
- vaterlandsrettend für den zum Tode Verurteilten.
- des Todes in Kriegsgefangenschaft und im Flüchtlingstreck
- des Todes, weil man einer anderen Rasse zugehörte, behindert oder anders und
- damit lebensunwert war
- des Todes, weil man an seinem Glauben festhielt bzw. -hält
- des oft langsamen Todes durch Verbluten an der Mauer - im Vergleich eine
- kleine Zahl, doch 192 zuviel
- des Todes in Unrechtsstaaten, die z. B. eine offene Kritik an der Regierung
- nicht zulassen
- des Todes in erbarmungsloser Armeeausbildung dort selbst
- des so vielfältigen gewaltsamen Todes überall
Wir leben – aber überall in der Welt ist Krieg, Krieg in vielfältiger Form und kein Ende!
"Gott war mit uns auf allen unseren Patrouillengängen", schreibt ein amerikanischer Marine, 24 Jahre alt – und wurde am 6. April dieses Jahres aus irakischem Hinterhalt erschossen – genau so wie weit über 3000 Kriegsbeteiligte auf seiner bzw. alliierter Seite und gleich viele und mehr auf der anderen Seite. Was bleibt sind Briefe oder e-mails an die Familie – oder gar nichts. Wir sehen vor uns:
- den deutschen Soldaten vor über 60 Jahren vom Wahnwitz verleitet, gefallen – gefällt durch des Gegners Hand
- den jungen Amerikaner, Familienvater, in einen Krieg für Demokratie und Freiheit kommandiert, gefallen - gefällt durch islamische Hand
- den islamischen Kämpfer, in den sog. Heiligen Krieg gehetzt, gefallen - gefällt durch amerikanische oder alliierte Hand
- den jungen Deutschen an der Mauer, die Freiheit suchend, gefallen - gefällt durch die Hand eines Landsmannes.
Ein Töten und Getötet-Werden wie in jedem Krieg, wie es in allen Kriegen auf deutschem Boden und anderswo geschah – einfach so. Cui bono? Die Frage bedarf keiner gesprochenen Antwort. Allem ist eines gemein: Die Identifizierung mit etwas, wofür man einsteht, sei es die eigene Nation, die persönliche Freiheit, die Idee von irgendetwas . Auf sie zu verzichten, bedeutet gleichzeitig Verzicht auf Freiheit, Bedrohung des eigenen Ichs. Verzicht auf Freiheit aber darf niemals die Antwort auf mögliche Bedrohung sein, Krieg jedoch genauso wenig! Der Wunsch nach Freiheit war auch das alles dominierende Sehnen unserer Landsleute im früheren 'anderen Teil Deutschlands'. Man erhoffte sich mit einer Wiedervereinigung, die der Coburger Convent nicht nur an Pfingsten immer wieder angemahnt hat, die Einheit in Freiheit, die Freiheit in der Einheit. Das aber ist heute auch eine Forderung an uns alle, sich nicht mit dem Erreichten zufrieden zu geben. Einheit entsteht aus Einigkeit, wie wir sie uns in unserer Nationalhymne herbeiwünschen, verbunden mit Recht und Freiheit. Einig müssen wir sein in unserem Wollen, Wiedergeschaffenes zu schätzen und zu verfestigen. Wir müssen uns bewusst werden, daß wir wieder ein deutsches Volk geworden sind, das vielleicht gerade noch in Sprachformen denkt, die sich in über vierzig Jahren entwickelten: Ost und West, hüben und drüben. Keiner wird erwarten, daß solch ein Sprachgebrauch aus Jahrzehnten sich in Jahren wieder verliert, wenn wir auch schon das Jahr 18 nach der Wende zählen. Wir als mitteldeutscher Bund aus Halle haben es uns in besonderer Weise zur Aufgabe gemacht, dieses Ost und West zu überbrücken, zu zeigen, daß die Toten an der Mauer wie auch alle Kriegstoten – jeder von ihnen einer zuviel – letztendlich für die Freiheit gefallen sind, für die Einheit in Freiheit. Eine schwere Aufgabe, die wir uns gestellt haben, die sich der Coburger Convent stellt, und die sicherlich erst in Generationen zu bewerkstelligen ist. Angesichts des Erbes, das wir hier an diesem Ehrenmal hochhalten sind wir es unseren für uns, für unser gemeinsames Land auf so vielfältige Weise in Kriegs- und Nachkriegszeit umgekommenen Landsleuten schuldig, das wiedergewonnene Heimatland in besonderer Weise hochzuschätzen und verneigen uns vor allen in gleicher Zeit grausam Ermordeten. Wir verneigen uns in Erinnerung auch an jene Verbandsbrüder, die vor uns gelebt haben. Gedenken wir aller in uneingeschränkter Trauer.


