Totengedenken anläßlich der Greifensteintagung 2004
Dr. Volker Thien, Tyrol Innsbruck, Normanno-Palatia Erlangen
Sehr geehrte Anwesende, sehr geehrte Herren Waffen- und Verbandsbrüder, liebe Bundesbrüder, meine Damen und Herren!
Wenn ich heute und hier zu Ihnen sprechen darf, ist dies für mich persönlich von Ort und Zeitpunkt von ganz eigenem Gewicht. Hier – am Ehrenmal des VC, des ehemaligen Vertreter-Conventes der Turnerschaften – haben wohl vor mehr als siebzig Jahren auch meine Onkel Willy und Hans Thien gestanden, beide Bundesbrüder in meinem Mutterbund, der Turnerschaft Normanno-Palatia Erlangen.
Wir sind hier in dieser Stunde zusammengekommen, um der Menschen zu gedenken, die nicht mehr unter uns weilen können, die uns zum Teil schon vor langer Zeit vorausgegangen sind: unserer Toten. Wir Lebenden haben eine eigenartige Scheu, über den Tod, über die Toten zu reden, obwohl wir alle doch genau um die Endlichkeit unseres Lebens wissen. Wir sind uns bewußt, daß der Tod das unabänderliche Ende unseres Lebens ist, aber wir sprechen wenig über die Menschen, die nicht mehr sind. Und dennoch versuchen wir immer wieder einen Brückenschlag zu ihnen, indem wir – und dies besonders in dieser Jahreszeit – ihre Gräber besuchen und schmücken (manchmal auch mit schlechtem Gewissen), indem wir Kränze an Ehrenmälern niederlegen, indem wir ihrer in Wort und Schrift gedenken. Diese Beziehung zu den Toten veranlaßte den englischen Schriftsteller Gilbert Keith Chesterton zu den Worten: »Wir sollten auch den verkanntesten Klassen unserer Vorfahren wieder ein Stimmrecht verleihen. Fordern wir Demokratie für die Toten – ein herrlicher, sehr ernst zu nehmender Gedanke; er verlangt, die Toten nicht abzuschreiben, das Verstauben ihrer Werke nicht gleichzusetzen mit dem Ende ihres Wirkens.«
Nicht allein vor der Masse der Toten, weit mehr noch vor der Qualität dessen, was sie geleistet haben, können wir Heutigen nur Ehrfurcht und Achtung empfinden.
Sind wir mit dem Gedanken der Demokratie für die Toten einverstanden? Die Ansicht, sie als gleichberechtigt zu identifizieren, ist ungewöhnlich. Denn wir definieren uns ja als Hinterbliebene – unserer Familie, unseres Volkes, und haben daher einen Vorwärtsbezug. Denn das Leben muß ja weitergehen; wir bestimmen unseren Standort in der Geschichte von den kommenden Generationen her, denen wir den Weg bereiten; aber geprägt sind wir auch von den Toten, von deren Beispiel.
In früheren Jahren hatte man ein anderes, näheres Verhältnis zum Tod. Man sprach vom Heimgang, von Heimgehen, und diese Worte waren Synonyme für Sterben und Tod. Dieses Gefühl ist uns ein wenig abhanden gekommen in unserer so nüchtern gewordenen technologisierten Welt. Dennoch aber meint dieses »Heimgehen« hauptsächlich den normalen Tod des Menschen als biologisches Ende seines Lebens, weniger den durch äußere Einwirkungen erzwungenen Tod.
Hierüber aber wollen wir im Besonderen reflektieren, über die Menschen aus unseren Reihen, zu denen wir in einer eigenen Relation stehen, die Opfer geworden sind von Krieg und Gewalt, von Unterdrückung und Terror, in vielfältigster Form. Also ein Kreis von Menschen, von denen der Dichter Max Frisch sprach, wenn er in seinem Tagebuch die Frage stellt: »Haben Sie Freunde unter den Toten?« Er sagte bewußt nicht »tote Freunde«, sondern mit Absicht: »Freunde unter den Toten«, und stellte damit die besondere Beziehung zu diesen Menschen heraus.
Wenn man über die Menschen spricht, die – z. B. bei kriegerischen Auseinander-setzungen – mitten aus ihrem Leben gerissen wurden, muß man sich hüten, in ein falsches hohles Pathos zu verfallen. Dies umso mehr, als gerade der Tod im Dienste des Vaterlandes in allen Zeiten als etwas Herausragendes dargestellt wurde und dieser Tod – das ist ein eigenartiges Faktum – sehr häufig mit dem Begriff der Freiheit verbunden wurde. So lesen wir schon im alten Rom bei Vergil: » Dulce et decorum est, pro patria mori!« – »Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben!« Und gehen wir durch die Jahrhunderte, so finden wir diese Beziehung immer wieder; wir hören das »Freiheit oder Tod!« der griechischen Freiheitskämpfer beim Aufstand gegen die Türken, das »Lewer dood als slaaw!« der Friesen im Kampf gegen die Unterdrücker, und, und, und. Man denke in diesem Zusammenhang auch an so manchen Text der Lieder unseres Kommersbuches!
Ob das aber wirklich stimmt? Das sollten wir hinterfragen. Wohl die meisten von uns haben zu feierlichen Anlässen mal einen »Landesvater« mitgemacht, oft nicht ohne innere Bewegung, und dabei den Vers gesungen. »…Sterben gern zu jeder Stunde, achten nicht der Todeswunde, wenn das Vaterland gebeut!« Sterben gern? Mitten aus dem blühenden Leben heraus? Ich habe da – und das mag manchem wie ein Sakrileg vorkommen – meine Zweifel. Natürlich denkt man auch in diesem Zusammenhang an Langemarck, an jenen 22. Oktober 1914, als Tausende deutscher Studenten, die meisten mit dem Band zur Uniform, und mit dem Deutschlandlied auf den Lippen, gegen die feindlichen Stellungen anrannten – und eine fürchterliche Zahl von ihnen dabei das junge Leben verlor. Auch für sie – und so viele unserer Bundesbrüder – ist dieses Ehrenmal, an dem wir stehen, errichtet.
»Sterben gern zu jeder Stunde…?« Wohl nicht; diese jungen Menschen hatten doch ihr ganzes Leben noch vor sich; sie hätten Liebhaber, Gatten, Väter werden können, die ganze Welt erleben können – und gaben das höchste Gut, das wir Menschen opfern können, nämlich das Leben, in jungen Jahren, so wie entsetzlich viele in den folgenden Jahrzehnten, als Opfer von Unterdrückung und Gewalt, als Opfer von Kriegen, oder wegen ihrer Überzeugung oder ihres Glaubens, in Straflagern, in Konzentrationslagern oder wo auch immer. »Sterben gern …?« Die Menschheit hat ja immer noch nichts gelernt, wie auch die Vielzahl von Opfern in jüngster Zeit in trauriger Weise bestätigt. Oder glaubt jemand, – um nur ein Beispiel zu nennen – daß die weit über tausend junge Amerikaner gern ihr Leben ließen in einer Auseinandersetzung, deren Sinn bis jetzt niemand glaubhaft machen konnte?
Dennoch obliegt es uns Lebenden – und hier komme ich zum eingangs Gesagten zurück -, mit Achtung und Ehrfurcht der Lebensleistung unserer Freunde unter den Toten (ich wiederhole mit Absicht diese Definition) entgegen zu treten. Wir gedenken hier und heute der Männer und Frauen, die ihr Leben lassen mußten im Kampf für ihre Ideale, für ihre Überzeugung, für ihr Vaterland; wir verneigen uns in Ehrfurcht vor ihrem Beispiel, das für uns Verpflichtung bedeutet. Wir gedenken der Opfer von Krieg und Gewalt, von Terror und Unterdrückung, aber auch derer von uns, die ein persönliches Schicksal zu früh von uns riß, oft als ganz junge Aktive.
Lassen Sie uns einen Moment stille werden zu ihrer Ehre und Gedenken.


