Studentenverbindungen im 21. Jahrhundert –Verpflichtung und Chance

Festrede von Vbr. Günther Oettinger, Landsmannschaft Ulmia Tübingen, Fraktionsvorsitzender der CDU im Landtag von Baden-Württemberg, anläßlich des 175. Stiftungsfestes der Landsmannschaft Württembergia Hohenheim

Verehrter Herr Altherrenvorsitzender, lieber Herr Dr. Vierling, verehrter Erstchargierter, lieber Herr Scharffetter, verehrter Rektor Professor Liebig und liebe Frau Liebig, Herr Bürgermeister Beck, meine sehr verehrten Damen, meine Herren, liebe Freundschaftsbrüder, Waffenbrüder und Verbandsbrüder, verehrte Angehörige der Landsmannschaft Württembergia.

Mit großem Respekt und mit Zuneigung bringe ich Ihnen die Grüße des Landtags von Baden-Württemberg.

Sie haben Geschichte geschrieben, an einem geschichtsträchtigen Ort, in Hohenheim. Zehn Jahre nach der Gründung durch den König kamen Sie, kam Leben an den Hochschulort, Leben jenseits der Lehre, Leben am Wochenende, soziales Leben, kam Kultur. Deswegen sage ich Ihnen meine Hochachtung vor Ihrer wechselvollen, aber erfolgreichen Geschichte und Bilanz. In Stärke sind Sie heute hier, denken zurück und blicken nach vorn. Wer wie ich die Württemberger deswegen kennt, weil die kleinere Ulmia in Tübingen mit Ihnen befreundet ist, und wer deswegen oft bei Ihnen zu Gast war auf dem Verbindungshaus, zu Mensuren als Gast und Zuschauer, zu Kneipen und Kommersen, zu fröhlichen Faschingsveranstaltungen, wer weiß, daß es viele Doppelbändermänner gibt, Württemberger, die Ulmer wurden und umgekehrt, der kann sich schon ein bißchen vorstellen, wie wichtig Ihnen dieses Wochenende, diese Tage sind, und daß Sie geschichtsbewußt und zukunftsgewandt, diesen Festakt und diese Festveranstaltungen begehen.

Sind Verbindungen noch zeitgemäß? Die Frage heißt zunächst: Sind Hochschulen noch zeitgemäß? Orte, für die man das Elternhaus verläßt, um sich zu bilden, um Elite zu werden, um wettbewerbsfähig für den Arbeitsmarkt von morgen zu sein, um staatsbürgerlich gebildet, um ganzheitlich, mündig in die Zukunft zu gehen? Ein Land wie Deutschland, ein Land wie Baden-Württemberg hat Bildung nötiger denn je. Denn Bodenschätze und Rohstoffe, außer Ackerfrüchten und anderen Produkten, die hier in der Entwicklung sind, haben wir nicht. Wir sind ein teures Land, ein soziales Land, ein Land mit Pflichten, ein Land in Verantwortung. Und wenn Deutschland, die größte Nation innerhalb der Europäischen Union seit der Einigung, wenn Deutschland seine Zukunft meistern will, dann brauchen wir auch in Zukunft Humanismus und Exzellenz. Dann brauchen wir hervorragende Bildung und Ertüchtigung unserer jungen Generation. Und dann brauchen wir hohe Schulen, auch in Zukunft, um alle technischen, um alle geisteswißenschaftlichen, um alle ökonomischen Fächer herum. Und dann brauchen wir Hohenheim, dann brauchen wir Universitäten in unserer Region, die für Gesellschaft und Wirtschaft, die für unser Land tragende Säulen sind. Und wenn wir Hochschulen brauchen, Forschung, Entwicklung, Lehre, Wissenschaftstransfer, Partnerschaft zum Arbeitsmarkt und zur Wirtschaft, vielleicht auch Weiterbildung, mehr in Zukunft denn jemals zuvor, dann brauchen wir an diesen hohen Schulen auch gesellschaftliche Verantwortung, dann brauchen wir nicht nur die Lehre im Stundentakt, dann brauchen wir neben der Lehre hier einen sozialen, einen ganzheitlichen Ort. Und dazu tragen Verbindungen bei.

Ich erinnere mich gut, wie ich in die Ulmia eingetreten bin und, erstmals von zu Hause weg, in Tübingen ankam. Und ich glaube schon, daß der junge Mensch mit 18, 19, 20 Jahren den Kontakt zur mittleren und älteren Generation in der Verbindung lernt. Das Lebensbundprinzip, der Generationenvertrag ist intakt. Die Jungen nutzen das Haus und fühlen sich wohl, die Alten kommen hinzu und zahlen mehr, als man im Grunde genommen in der Jugend kann. Der Generationenvertrag von Jung und Alt, bei ihnen ist er intakt, bei ihnen stimmt er. Ich habe die freundschaftliche Offenheit meiner Alten Herren als wohltuend erlebt, und ich sehe darin eine Verpflichtung für mich und sie für sich. Ich meine, daß der Achtzehnjährige und der Achtzigjährige in der Verbindung wie kaum an einem anderen sozialen Ort zusammenfinden, Freundschaften gründen und sich gegenseitig helfen und bereichern kann. Das heißt, die vertikale Struktur, Alt und Jung, in der Verbindung kommt daraus etwas zustande. Die Verbindung ist dafür ein idealer Ort. Und dann die horizontale Struktur. Das Studium generale findet ja praktisch nicht mehr statt. Die Studienzeit wird verkürzt und das Fachwissen, die Bedeutung des Fachwissens, nimmt zu. Wenn schon der Mediziner nicht mehr beim Juristen reinschauen kann und die Ökonomen nicht mehr der Agrarwirtschaft genügen können, es sei denn, einer wird Agrarökonom, und wenn der Religionswissenschaftler, der Theologe nicht mehr Physik und Naturwissenschaften erahnen kann: Am Mittagstisch der Verbindung, am Abend beim Gespräch, auf der Kneipe, im Freundeskreis, der in der Verbindung besteht, hier ist diese Vielfalt der Fächer zu Hause. Und deswegen wünsche ich, daß Verbindungen auch horizontal breit aufgestellt sind und der Mediziner vom Juristen und der Physiker vom Theologen lernen kann und einen kursorischen Inneneinblick in dessen Wissenschaft und dessen künftiges Berufsverständnis und dessen Veränderungsgeschwindigkeit und dessen Sorgen und dessen Entwicklungsakte kennen lernt. Vertikal und horizontal sind Verbindungen ein herausragender, ein bedeutsamer Ort. Man müßte heute Verbindungen in anderer Form neu gründen, gäbe es sie nicht.

Die Universität Hohenheim ist eine kleine Universität, in spannenden Fächern zu Hause und mit hohem Ansehen weltweit. Wenn man einmal in Afrika ist, oder wenn man weltweit in der Nahrungsmittelindustrie Gesprächspartner hat, bei Nestlé oder in den USA, diese Hochschule hat Akzeptanz. Die Forschung und die Entwicklung hier hat höchste Qualität und die Forschungserkenntnisse werden weltweit umgesetzt. Und deswegen will ich ein Bekenntnis ablegen: Lieber Herr Rektor Liebig, die Globalisierung und der Wettbewerb, die Internationalisierung der Hochschulen zwingt auch Sie in die Reform hinein und Sie sind mitten dabei. Aber wer reformbereit ist, der muß sich verändern, muß Kerne bewahren, aber muß überlebensfähig sein. Und ich wünsche dieser Hochschule, daß sie als Universität Hohenheim, neben Stuttgart und neben den anderen Hohen Schulen in Baden-Württemberg, an diesem Ort für unsere Landeskinder und mit weltweiter Vernetzung und Akzeptanz eigenständig überlebensfähig bleibt. Ich will Sie bitten, ich fordere Sie dazu auf, vernetzen Sie sich mit Tübingen, mit Stuttgart, auch mit Fachhochschulen. Gehen Sie in eine arbeitsteilige Partnerschaft. Machen Sie nicht alles selbst. Bilden Sie Stärken heraus, ein Profil, das hier im Grunde schon in starkem Maße vorhanden ist. Aber ich glaube, daß eine Fusion mehr Identität auflöst, mehr Rückstöße bietet als Synergie-Effekte im Backoffice-Bereich, bei den Kopierern und Sekretariaten, bringt. Zwei Rektoren sind kaum teurer als einer. Und wenn dann dieser Rektor durch Präsenz, auch heute früh, sich zu seinem sozialen Leben am Hochschulort bekennt, dann sind mir zwei herausragende Repräsentanten lieber, auch bei der Drittmittel-Einwerbung, als wenn es nur einen gibt. Das heißt: Ich glaube, daß die Universität Stuttgart, die deutlich stärker ist, ihre eigenen Aufgaben lösen muß und die nicht auf dem Campus von Hohenheim abladen kann und umgekehrt. Und ich glaube überdies, daß dieser Landeshauptstadt Stuttgart dieses tertiäre Bildungswesen gut tut und neben Daimler und Bosch und neben einem herausragenden Mittelstand, neben einer guten Infrastruktur und neben dem VfB, lieber Freund Beck, auch diese beiden Hochschulen Werbefaktoren bundesweit und weltweit für unsere Hauptstadt und für unser Lauptstadt und für unser and Baden-Württemberg sind.

Gründung im Jahre 1818, in einer ganz schwierigen Zeit. Der Herzog wurde zwar zum König gemacht und hat Vorderösterreich und Hohenlohe-Franken dazugekriegt, die Freien Reichsstädte und die kirchlichen Eigentümer waren weg, aber das Land war ärmer denn je. Und deswegen ist sicherlich ein solcher Tag auch ein Tag der Dankbarkeit. Die, die damals die Hochschule gegründet haben, die, die damals Ihre Verbindung gegründet haben, hatten längst nicht die Lebensperspektiven wie unsere Generation, wie die heute Achtzigjährigen, wie die heute Fünfzigjährigen, wie die heute Zwanzigjährigen. Und wer an diesem Geburtstag einmal vergleicht: Keiner Generation von Aktiven und Alten Herren ging es so gut wie der Generation, wie den Generationen, die heute hier anwesend sind. Die meisten nach dem Krieg geboren, die meisten in soziales Wachstum hinein geboren, groß geworden mit Chance auf Bildung, sozial gerecht, und auf Arbeitsmarkt, Chance auf lebenslangen Frieden, Chance auf Lebensalter, länger als jemals eine Generation uns zuvor. Und daraus leite ich auch eine Verpflichtung ab. Wir haben die Verpflichtung, daß unser künftiges Leben mehr als nur der Job, mehr als nur Karriere, mehr als nur Einkommen und mehr als nur Privatleben sein muß. Ich fordere Sie auf zu einer gesellschaftlichen, sozialen Verantwortung. Mischen Sie sich in unsere Gemeinschaft ein! Wer nicht nur studiert, sondern das Band aufnimmt und wie im Fechten ja noch eine gewisse Hürde überwinden soll, wer das Pflichtenheft einer Verbindung absolviert, Fuchs, Aktiver, Charge, Inaktiver, Alter Herr, wer ideell und materiell hier einiges einbringt und einiges entnehmen kann, der kennt Gemeinwesen, der ist in der Gemeinschaft aktiv. Und da Sie an einer Hochschule sind, und ich schon der Meinung bin, daß hier Elite gebildet wird, fordere ich Sie auf: Mischen Sie sich in unsere Gesellschaft ein! Diese Gesellschaft und dieses Land haben es nötiger denn je.

Deutschland lebt über seine Verhältnisse. Und Deutschland ist ein Sanierungsfall. Unsere Volkswirtschaft steht europaweit und weltweit unter verschärfter Beobachtung. Unsere Systeme sind nicht mehr intakt. Der Generationenvertrag der Rente stimmt nicht mehr und ist die größere Staatsverschuldung als die, die in den Haushaltsbüchern steht. Daß wir, bald 60 Jahre nach dem Krieg, jedes Jahr mehr Ausgaben haben, als wir an Steuern und Gebühren und Einnahmen erheben, obwohl die Steuerlast hoch genug ist, daß die gesundheitliche Finanzierung nicht mehr haltbar bleibt, daß wir im Grunde genommen in allen ökonomischen Fragen nicht intakt sind und Wirtschaftswachstum im dritten Jahr ausbleibt, nenne ich die zentrale Herausforderung, die es in diesem Jahrhundert gibt. Und ich bin noch nicht davon überzeugt, ob die Verantwortungsträger in Gewerkschaft, in Wirtschaft und Politik – ich beziehe meine Partei ausdrücklich ein – sich der Dramatik bewußt sind, und ob nicht immer eher Strategie und Lobby und Verbandsinteressen statt Gemeininteressen vor den Entscheidungen, in den Beratungen, in der Debatte in allen Gremien bestehen. Ich meine, daß der Bürger durchaus mündig geworden ist und sieht: Veränderung tut Not. Ich glaube auch, daß der Bürger zu Einschnitten bei sich bereit ist, wenn es ein Gesamtbild, ein gerechtes Bild ist und nicht nur bruchstückhaft Veränderungen anstehen. Und ich will deswegen Sie ausdrücklich ermuntern und auffordern, im Rahmen Ihrer Möglichkeiten, egal wo, vor Ort in Ihrer Gemeinde, in Ihrem Betrieb, in Ihrer Familie: Gehen Sie aus der Privatsphäre, gehen wir alle mehr an die Öffentlichkeit – im Kirchengemeinderat, bei der Kommunalwahl im nächsten Jahr, in der Verbands- und Vereinsarbeit, im Ehrenamt, in der Jugendarbeit! Ich stelle mit Bedrückung fest, daß wir mehr Freizeit haben als je eine Generation vor uns, mehr freie Jahre ohne Arbeit im Beruf, mehr freie Stunden in der Woche, mehr freie Tage im Jahr. Aber diese gewachsenen freien Stunden, Tage und Jahre werden zu wenig in die Gemeinschaft und werden zu stark in die Verschönerung des egoistischen eigenen Konsums eingebracht. Wir brauchen mehr Gemeinwesen-Orientierung, und prüfe ein jeder, wo er dies auf Zeit oder dauerhaft im Ehrenamt, im Hauptamt, egal bei welchem Projekt in Zukunft tun kann! Ansonsten gehen diese 82 Millionen Menschen in der Mitte Europas zwar einer friedlichen Zukunft entgegen, mit hoher Wahrscheinlichkeit, aber die wirtschaftliche Grundlage, die wirtschaftliche soziale Grundlage bei uns wäre nicht mehr intakt.

Unsere Hochschulen sind mitten drin in dieser Veränderung. Und – machen wir uns nichts vor – der anglo-amerikanische Standard prägt uns und zwingt uns zur Veränderung – das kann man beklagen oder begrüßen – mit Bachelor und Master und anderem amerikanischem Abschluß gegen Diplom, Magister und Examen bei uns. Aber, wenn unsere Hochschulen mithalten wollen, wenn sie exzellent bleiben wollen, wenn sie die besten Hochschulen im weltweiten Wettbewerb sein wollen, wenn sie Anreiz bieten wollen für den jungen Kanadier und für den aus Marokko, für den Asiaten und für den Europäer, dann müssen wir besser werden. Unsere Hochschulen sind angestammt gut, haben herausragende Verdienste, aber sind in dem weltweiten Ranking in den letzten Jahren eher zurückgefallen als nach vorne gerückt. Und deswegen wünsche ich dieser Hochschule kreative Köpfe in allen Organen – im Hochschulrat, bei den Fakultäten, im Rektorat an der Spitze, bei den Mitgliedern. Und ich glaube, daß hier ein weiterer Faktor, den die Verbindung einbringen kann, genannt werden muß. Wer nicht in einer Verbindung ist, kehrt im Zweifel – wenn er nicht Dozent oder Professor wird – an seinen Hochschulort ein Leben lang nicht mehr zurück. Wer in Amerika das Alumni-Wesen kennt – Sie haben es erwähnt –, wer spürt, wie man seitens der Hochschule die Ehemaligen pflegt und beehrt – und schröpft, wer dort merkt, wie die Rückkehr regelmäßig einmal, zweimal, dreimal im Jahr von anerkannten Absolventen aus Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft an die Hochschule rational und emotional unterlegt wird, der muß erkennen, daß dieses Pfund bei uns noch längst nicht genutzt wird. Sie haben hier einige gute Ansätze, das Haus Württemberg, Graf Leutrum, Werner Schmitt und andere, und ich will Sie ausdrücklich bitten, vernetzen Sie sich mit denen, die hier waren! Wer hier mal war, bekennt sich zur Hochschule. Er muß nur eingeladen werden, er muß nur geladen werden, er muß nur vorgeladen werden, er muß nur im Grunde ein Netzwerk bekommen. Und die Verbindung ist dafür ein Netzwerk, wie man ein anderes im Grunde genommen besser sich kaum vorstellen kann.

Ich will Ihnen deswegen zu Ihrem Bekenntnis zu Hohenheim, zu dieser hohen Schule, gratulieren. Und ich will Sie auffordern, daß Sie diese Arbeit an der Hochschule in Hohenheim auch in Zukunft erbringen. Nach meinem Verständnis sind Verbindungen viel zu nichtöffentlich, viel zu stark nur im Haus, viel zu stark nur nach innen aktiv. Dies muß sein. Ich erinnere mich an viele fröhliche Stunden und ich war froh, daß damals weder meine erziehungsberechtigten Eltern noch die Presse dabei gewesen sind. Aber genauso klar muß sein: Die Intelligenz, die Akademiker haben in der Verbindung, ihre Bandbreite an Fachwissenschaftlern, muß auch im öffentlichen Prozeß sichtbar sein. Und deswegen will ich die Verbindungen allgemein und Sie bitten: Machen Sie sich auf dem Campus von Hohenheim, in der Landeshauptstadt und in ganz Baden-Württemberg noch mehr sichtbar und nicht nur an Festakten, wo Sie die Presse eingeladen haben – ich begrüße dies –, sondern auch während des Jahres, des täglichen Lebens! Mischen Sie sich in die Hochschul-Reform ein, mischen Sie sich in die Frage ein, wie es mit Stuttgart und Hohenheim weiter geht, oder mischen Sie sich in die Frage ein: Was war denn nun falsch an SIMT (Stuttgart Institut of Management und Technologie)? Da drüben steht eine Leiche, in tollem Gewand, und das Gebäude ist nutzbar, es gehört aber der Stadt oder indirekt hat sie etwas daran gezahlt. Jedenfalls, im Grunde genommen, wenn man eine Hochschule einweiht wie SIMT, und da geht etwas schief, dann rate ich uns nicht zur Häme sondern zu nüchterner Bilanz. Was kann man daraus lernen, was kann man verändern und wie geht es weiter damit? Und ich will ausdrücklich sagen: Ich glaube, daß die Ansätze einer privaten Hochschule, nämlich Studiengebühr-finanziert, mehr Beiträge der Wirtschaft und auch Trägerschaft, daß die richtig sind, aber daß die Übernahme der privaten Hochschulen aus Amerika eins zu eins in das deutsche akademische Bildungswesen schief gehen muß. Dafür sind unsere Hochschulen noch zu gut. Dafür ist der Anreiz, hierher zu gehen, noch zu stark. Und ich meine, daß die Fortführung von SIMT richtig ist, und auch der Gedanke einer Weiterbildungs-Akademie und -Einrichtung. Aber ich sage genauso deutlich – zumal, wenn es auf dem Campus von Hohenheim ist –: Eine Dominanz vom Nesenbach allein kann nicht stattfinden. Und deswegen habe ich bei Herrn Frankenberg durchgesetzt, daß das Zutrittsrecht in die Trägerschaft der Universität Hohenheim eins zu eins neben Stuttgart stattfinden muß, und keine Dominanz von Stuttgart hier auf dem Campus stattfinden kann. Gleichberechtigte Partnerschaft! Die Quantität, die Größe, macht es nicht. Die Qualität der beiden Hochschulen ist gleich gut und ergänzt sich. Die Quantität ist unterschiedlich. Aber die Qualität muß der Maßstab für derartige Aufgaben und Trägerschaftsfragen sein.

Wir stehen in einer Gesellschaft, in der Eigenverantwortung zu wenig ausgeprägt ist, und ich meine, daß Verbindungen Ausdruck von Eigenverantwortung sind. Sie sind im Grunde eine Familie. Sie helfen sich gegenseitig. Der, der durch's Examen fällt, wird von den anderen getröstet, holt nach und besteht im zweiten Anlauf. Der, der wirtschaftlich schwach ist, wird in der Verbindung gestützt. Es wird ihm geholfen, bis er selber Einkommen hat. Sie sind eine große soziale Gemeinschaft, eine Familie, ein Zweckverband, der in allen Verantwortungen nicht nach dem Staat und der Stadt ruft, sondern seine Probleme und Aufgaben definiert und aus dem Familienkreis heraus löst.

Und ich glaube, daß daher ein Festakt einer Verbindung auch zum Aufruf zu mehr Eigenverantwortung in unser Gesellschaft taugt. Und ich ergänze: Eigenverantwortung steht im Zusammenhang mit dem Leistungsprinzip. Ich bin davon überzeugt, daß das Leistungsprinzip, der Anreiz Leistungsträger zu sein, der kleine Arbeiter, der Vorstand, der im Hauptamt und der im Ehrenamt, daß Leistung in unserm Land nicht genügend gewürdigt und belohnt und bezahlt wird. Und daß die Herausarbeitung des Leistungsprinzips bei uns überfällig ist, weil nur Leistungsträger in wachsender Zahl mit wachsendem Anreiz in der Lage sind, daß unsere verfahrene Situation, daß unser Sanierungsfall Deutschland wieder umgekehrt und die Wettberwerbsfähigkeit mit anderen Spitzennationen hergestellt werden kann.

Ich bekenne mich ausdrücklich zum Gedanken des Leistungsprinzips und auch zum Begriff der Elite und fordere Sie und die Erstchargierten und Zweit- und Drittchargierten und die Aktiven generell auf: Machen Sie hier das Leistungsprinzip auch bei Ihnen zu einem Ziel, und sorgen wir dafür, daß die junge Generation mehr Leistung erbringt und Leistung auch mehr belohnt wird, als dies in den letzten Jahren und Jahrzehnten in unserer Gesellschaft mit immer mehr Gleichheit und weniger Anreiz zu Mehrleistung sich ergeben und entwickelt hat!

Ich wünsche Ihnen eine gute Zukunft, genügend junge Aktive, genügend langlebige und zahlende Alte Herren und eine gute Gemeinschaft. Sie hatten gestern, glaube ich, Ihren Kommers. Dafür sind Sie heute Morgen erstaunlich frisch. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag und freundliche Begegnungen auf ihrem Haus. Heute schaffe ich es nicht, weil ich weiter muß, aber ich bedanke mich sehr für Ihre Einladung und bringe Ihnen abschließend meinen Respekt vor ihren 175 Jahren, Ihrer Zwischenbilanz zum Ausdruck und wünsche Ihnen für die Zukunft Glück, Einfluß, fröhliche Stunden und erfolgreiche Jahre!