Festrede vom Festkommerses auf dem Pfingstkongreß 2007
Gehalten von RA und Notar a. D. Jochen Schön, Landsmannschaft Brandenburg, Landsmannschaft Palaeomarchia
Meine Landsmannschaft Palaeomarchia hat sich zu ihrem Präsidialjahr im Coburger Convent das Leitmotiv »Einheit aktiv gestalten« gewählt – Konsequenz ihrer Heimat – Konsequenz ihrer Geschichte – Konsequenz ihrer sich selbst gestellten Aufgabe und Verpflichtung für die Zukunft. Letzteres nicht nur für sie selbst, sondern – so meine ich – für uns alle, jeden einzelnen von uns. »Einheit« – was verstehen wir hierunter – was streben wir an, was können – was sollten wir tun, um an ihrer Gestaltung aktiv mitzuwirken, und weiter: wessen und welche Einheit stand uns – stand meinen Bundesbrüdern vor Augen, als sie dieses Postulat für sich und für uns alle als Aufruf für diesen Pfingstkongress wählten? In vorderster Linie unser Vaterland und all das, was insoweit noch zu bewältigen ist, aber nicht nur dies, worauf nachher noch einzugehen sein wird. Für unser Vaterland haben wir stets – die studentischen Corporationen in ihrer Gesamtheit und speziell auch unser Verband, der Coburger Convent – die nationale Einheit eingefordert, auch zu Zeiten, als dieses Ziel für viele als nicht mehr erreichbar erachtet – zum Teil aber auch als nicht mehr politikfähig belächelt , und sogar die Geltendmachung verachtet wurde. Seine nationale Einheit hat Deutschland seit nunmehr fast zwei Jahrzehnten wiedererlangt, wozu nur ein kleinerer Teil unseres Volkes beigetragen hat und sicherlich auch nur beitragen konnte. Lassen Sie mich den Begriff »Einheit« als dasjenige definieren, was hierunter nur verstanden werden kann und darf, nämlich »geschlossene Ganzheit« – ein etwas untrennbar Zusammengehöriges. Getrennt wurde Deutschland über vier Jahrzehnte – jetzt geht es darum, der »Einheit« – wie soeben definiert – vollends gerecht zu werden und unser Vaterland nunmehr wieder eine »geschlossene Ganzheit« werden zu lassen. Dass hier noch Aufgaben ihrer Erfüllung harren, wissen wir alle – jedenfalls jeder, der seine Augen nicht vor der Realität verschließt. Für die Erfüllung dieser Aufgaben, für den Versuch einer erfolgreichen Vollendung ist es wichtig – um sie nicht zur Last werden zu lassen – dass sie mit Freude übernommen wird. Und wir haben Grund zur Freude -
wir müssen sie uns nur bewusst machen, sie artikulieren und verbreiten: Freude über den Glücksfall des Verschwindens der Mauer; Freude, die deutsche Einheit überhaupt noch erlebt zu haben. Der bekannte Berliner Theologe Richard Schröder hat einmal in einem Interview folgendes ausgeführt: »Früher wurde uns im Hinblick auf den Nationalsozialismus die Unfähigkeit zu trauern vorgeworfen. Inzwischen haben wir die Trauerarbeit so verinnerlicht, dass wir ins andere Extrem rutschen: die Unfähigkeit, sich über die erlangte Einheit zu freuen.« Hat er hiermit nicht auch Recht? Wird nicht häufig die deutsche Wiedervereinigung in der Bevölkerung und auch in den Publikationen eher als Ergebnis von »Pleiten, Pech und Pannen« gewertet? Sicher – es folgten nicht die »blühenden Landschaften«, die in Unkenntnis, respektive Verkennung der tatsächlichen Gegebenheiten erwartet und versprochen wurden. Es gab Enttäuschungen, Bitternis und Verärgerungen, sowohl im östlichen Teil unseres Vaterlandes – insbesondere im Hinblick auf das plötzlich auftretende und bisher nicht gekannte Problem der Arbeitslosigkeit und des Wegfalls großer Industriebereiche – aber auch im westlichen Teil unseres Landes, weil dort so manchen der »Solizuschlag« ärgerte und für Etliche das Infrastrukturnetz im »Osten« zu aufwendig und zu umfassend saniert bzw. erst hergestellt wurde. Differenzen und Opfer sollten und dürfen jedoch nicht die Freude darüber überschatten, das Geschenk der Einheit und Freiheit überhaupt erhalten zu haben. Warum geben wir dieser Freude nicht nur für uns, sondern auch für die Menschen über die Grenzen unseres Landes hinaus keinen sichtbaren Ausdruck? Zu Recht haben wir etliche Mahnmale, die an die Tragik der deutschen Teilung erinnern, aber wir haben kein Denkmal, das die Freude über die Wiedervereinigung in Freiheit symbolisiert. Wenn wir jetzt diese Freude nicht mitteilen und miterleben lassen, können die Generationen nach uns, die die schrecklichen Folgen der Teilung nicht mehr miterlebt haben, diese schon gar nicht mehr nachvollziehen. Wie sollen sie zum Beispiel verstehen, dass die sächsische Mundart zu Zeiten der DDR für etliche Menschen aus bekannten Gründen eher zwiespältige Gefühle auslöste – ich schließe mich als jemand ein, der dereinst noch vor der Errichtung der Mauer von Ost nach West, wie man es so sagte »rübergemacht« hat. Wie sollen sie es nachempfinden, wenn wir heute diese Mundart nicht nur mit Freude von freien Menschen dieser Gegend unseres Vaterlandes vernehmen, sondern auch dankbar im Bewußtsein, dass eben von dort der Ruf »Wir sind ein Volk« so viel dazu beigetragen hat, uns wieder ein Volk in Einheit und Freiheit werden zu lassen? Lassen Sie mich noch ein Wort zu Mundarten und zur deutschen Sprache verlieren. Vor dem Fall der Mauer gab es etliche besonders kluge Menschen bzw. solche, die sich hierfür hielten, die die Auffassung vertraten, dass es keine einheitliche deutsche Sprache mehr gäbe. Dies war selbstverständlich Unsinn, aber sicherlich gab es etliche Begriffe, die oft von einem nicht und vom anderen nicht mehr verstanden wurden. In dem Bemühen, sich bezüglich des Wortschatzes von der Bundesrepublik abzusetzen, kam es in der DDR zu teilweise absonderlichen Begriffsbildungen, die teils nur Umschreibungen, zum anderen Teil aber auch fast kabarettreif waren. Als das Berufsbild einer Sekretärin in eine »Facharbeiterin für Bürotechnik« geändert wurde, blieb dies noch halbwegs nachvollziehbar; die »Grilletta« – anderswo in der Welt als »Hamburger« bekannt, war jedoch ebenso absurd wie das »Erdmöbel« als Sarg, der »Stadtbilderklärer« als Fremdenführer und die »geflügelte Jahresendfigur« als Weihnachtsengel. Fast alles gehört nun der Vergangenheit an und bezüglich unseres Sprachgebrauchs kann fast von einem Totalvollzug der inneren Einheit gesprochen werden. Unser Appell – der Appell, der mit dem Leitmotiv meiner Landsmannschaft vom diesjährigen Pfingstkongress ausgehen soll – ist dergestalt, dass wir uns mit dem unzweifelhaft bereits Erreichten nicht zufrieden geben können, sondern aktiv an dem Ziel einer Vollendung der Einheit mitwirken müssen und wollen. Es werden oft nur kleine Ereignisse und kleine Schritte sein, die hierzu beitragen können. Aber wir sollten sie nicht nur nicht ungeachtet lassen, sondern sie auch suchen und nutzen. Hiervon ist keiner ausgenommen – gleichgültig, wo auch immer er vor dem Fall der Mauer gelebt hat, denn das Postulat »Einheit aktiv gestalten« gilt für jeden; es ist eine gemeinsame Aufgabe. Eine gemeinsame Aufgabe, die zweifellos alle Bereiche in Politik, Wirtschaft, Kunst und Wissenschaft betrifft, aber auch jeden Einzelnen von uns im zwischenmenschlichen Verhalten und Umgang untereinander und miteinander. Es gilt Offenheit und Verständnis nicht nur zu deklamieren, sondern auch zu leben und zu verwirklichen. Hüten wir uns davor, Vergangenes zu verklären. Man spricht – und wir erleben sie auch – von der »Ostalgie«, aber es gibt leider auch dasjenige, was ich die »Westalgie« nennen möchte. Im ehemaligen Westberlin gibt es nicht wenige, die verklärt auf die nach ihrer Ansicht ruhigeren und wirtschaftlichen günstigeren Zeiten zurückschauen – und in der alten Bundesrepublik sieht es nicht anders aus, aber auch für etliche ehemalige DDR-Bürger war aus der Rückschau so manches dann doch nicht so schlecht und schlimm. In einigen Punkten des alltäglichen Lebens war dies sicherlich richtig. Aber nicht akzeptabel ist es, wenn die Verklärung so weit geht, dass behauptet wird, dass die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse »nun denn auch nicht so schlimm gewesen seien«. Sie waren schlecht, sie waren ein massiver Eingriff in die Grundrechte eines jeden Menschen und sie nahmen die Freiheit des Handelns und der Meinungsäußerung. Sich hieran zu erinnern, sich dieses bewusst zu machen, ist für jeden geboten – gleichgültig, ob er es selbst erlebt und erlitten hat oder dies aus der Perspektive des Nichtbetroffenen zumindest hätte zur Kenntnis nehmen müssen. Der Weg über Verklärung und Verdrängung ist nicht derjenige, der zur Vollendung der Einheit führen kann, sondern eher zur Trennung und zum Nichtverstehen. Nur mit klarem Blick auf das, was war und nie wieder so werden soll sowie auf die gemeinsame Zukunft kann die deutsche Einheit weiter aktiv gestaltet und eines Tages vollendet werden. Dass hierbei auch und im besonderen Maße den studentischen Corporationen Verantwortung und Verpflichtung obliegen, sollte einer besonderen Erwähnung und Hervorhebung nicht bedürfen, und dennoch möchte ich als Unterstreichung dessen den ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland Theodor Heuss mit den Worten zitieren: »Akademikertum – nicht als Anspruch und tote Form, sondern als Leben aus tiefer Verantwortung vor Gott und den Menschen, zu deren Dienst wir berufen sind«. Leben wir hiernach und werden wir dieser besonderen Verantwortung gerecht. Einen bescheidenen Beitrag hierzu wollte meine Landsmannschaft Palaeomarchia leisten, als sie als Bund aus Halle an der Saale mit einer Aktivitas, die fast ausschließlich in dem dortigen Bereich beheimatet ist, zur Übernahme des Präsidiums bereit war, um Verantwortung und Arbeit in den Dienst unseres Verbandes zu stellen, der sich mit seinen Corporationen über unser gesamtes Vaterland von Ost nach West, von Nord nach Süd erstreckt. Um in diesem Bereich unseres Verbandes für einen Zusammenhalt in Einheit der einzelnen Bünde zu wirken und sich hierum zu bemühen, ist eine Aufgabe, die wir uns gestellt und der wir uns alle zu stellen haben. Nicht zuletzt, um unserer Selbst willen. Nur in »geschlossener Ganzheit« und in dem Bewusstsein einer untrennbaren Zusammengehörigkeit können wir den Anfeindungen durch jene, die unsere Existenz nicht akzeptieren wollen, mit Erfolg entgegentreten, aber auch den Anforderungen gerecht werden und entsprechen, die auf uns zukommen, um für junge Kommilitonen trotz geänderter Studiengänge und noch weiter erhöhter Studienanforderungen attraktiv zu bleiben. Für Streit und Zwistigkeiten ist kein Platz und keine Zeit mehr gegeben. Dies gilt nicht nur für die Verbindungen innerhalb unseres Verbandes, sondern übergreifend für alle Corporationsverbände. Dass mir dies als CDA-Vorsitzendem besonders am Herzen liegt, dürfte nachvollziehbar sein, und ich hoffe, dass sich jeder von uns dies zu seinem eigenen Anliegen macht. Diese Einheit, die notwendig und geboten ist, hat nicht das geringste mit Gleichmacherei zu tun. Vielmehr ist Einheit in Vielfalt geboten. – Dabei lebt jede Verbindung, jeder Corporationsverband einerseits im Bewusstsein und in Wahrung von Traditionen und Grundsätzen, andererseits aber auch im Wissen um das Gemeinsame, das alle studentischen Corporationen in ihren Werten und Prinzipien verbindet. Meine Herren Verbandsbrüder – Einheit aktiv gestalten – wo immer es geboten ist. Helfen Sie mit, daß nicht Zwietracht, Teilung und Trennung, sondern Einheit in Freiheit unser Leben bestimmen. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.


