Rede zum Deutschlandkommers 2010 in Stuttgart am 25.09.2010
Oberbürgermeister Norbert Kastner, Coburg
Ich habe vor, die mich von meinen Coburger Reden kennen, die wissen, dass ich etwas weniger rede, aber der Kommers ist dann auch etwas fortgeschritten.
Sehr geehrter Herr Dr. Müller, hohes Präsidium, sehr geehrter Herr Dr. Vogel, Herr Vizepräsident Wieland, lieber Herr Kollege Föll, sehr geehrter Herr Dr. Weiss, Herr Kanitz und als Alter Herr einer altehrwürdigen Schülerverbindung Kasimirianum zu Coburg, liebe Farbenbrüder, verehrte Festkorona, sehr geehrte Herren.
Verehrte Korona, die Vorreden und Vorredner haben deutlich gemacht, die Wiedervereinigung Deutschlands war das Ereignis des ausgehenden 20. Jahrhunderts oder wie es Herr Dr. Vogel beschrieben hat, die Sternstunde des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Aber meine Herren, die Gestaltung dieser Aufgabe dieses Ereignisses reicht weit über die Jahrhundertgrenze hinweg und ich sage schon jetzt, dass die Gestaltung dieser Aufgabe noch weit über das Jahr 2010 hinausreichen wird.
Wir alle wissen, wir sind noch auf dem Weg zur inneren Einheit, mehr noch zur Gleichheit im Sinne der Lebensverhältnisse in vielen Bereichen. Und natürlich, wenn wir heute in Städte fahren, wie wir es tun, nach Dresden, nach Leipzig, nach Jena, nach Erfurt, sind die Innenstädte alle prima in Ordnung, und der eine oder andere aus den alten Bundesländern mag auch neidisch sein, was da geflossen ist an Fördermitteln, aber machen wir uns doch nichts vor, wenn wir ein bis zwei Kilometer außerhalb der Kerne sind, dann fühlen wir uns in vielen Bereichen noch an die Zeiten vor der Wende erinnert. Und wir werden noch einiges zu leisten haben. Und ohne Zweifel war die deutsche Einheit im Jahr 1990 das Gebot der Stunde – ich will nicht im Detail auf Diskussionen im Umfeld dieses 3.Oktober 2010 eingehen. Und Herr Dr. Vogel, ich bin Ihnen sehr dankbar, wie sie das zusammengefasst haben, dass es im nach hinein besser war: Natürlich war die formelle staatliche Einheit im Jahr 1990 die einzige richtige Entscheidung, der Beitritt der neuen Länder zu den alten Ländern. Ich erinnere mich noch gut, wie wahrscheinlich viele, als Hans-Dietrich Genscher am 30. September 1989 auf dem Balkon der Prager Botschaft zu den 4.000 DDR-Bürgern im Garten der Botschaft sprach: „Liebe Landsleute, ich bin heute zu ihnen gekommen um ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise in die Bundesrepublik Deutschlands bevorsteht.“ Damit war der Damm gebrochen. Und ich werde diesen Jubel ebenso wenig vergessen, wie später den Jubel an der Berliner Mauer. Doch am meisten wird mir in Erinnerung bleiben, was in meiner Coburger Heimat direkt an der Nahtstelle zwischen Bundesrepublik und DDR in der Folge geschah: Kilometerlang, kilometerlang stauten sich die Autos zwischen Eisfeld, Sonneberg und Coburg. Stoßstange an Stoßstange. Auf dem Coburger Marktplatz wurden Bananen und Orangen aus dem LKW heraus verkauft. Endlose Schlangen bildeten sich vor den Ausgabestellen des Begrüßungsgeldes. Die Leute haben teilweise vor den Ausgabestellen übernachtet. Wenn man früh zur Stelle gegangen ist, musste man sich zwischen schlafenden DDR-Bürgern hindurchbewegen, um an die Kasse zu kommen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Stadt Coburg ist dem Kämmerer der Stadt Coburg das Geld ausgegangen: Er musste zur Sparkasse und dort den Tresor ausräumen – Tatsache. Trabis mit Satellitenschüsseln auf dem Dach, Videorecordern und vielem Anderen, auf das man sonst in der DDR eben verzichten musste, machten sich wieder auf den Heimweg. Sie begegneten dabei anderen mit hoffnungsfrohen, gespannten überglücklichen Gesichtern im Wageninneren auf dem Weg in die Stadt, die für viele DDR-Bürger vierzig Jahre lang so nah und sichtbar durch die Feste Coburg und doch so unerreichbar weit weg war. Viele die Coburg besuchten, die trauten der so plötzlich verordneten Reisefreiheit nicht. Längst waren alle Hotelzimmer der Stadt belegt, und zahlreiche Coburgerinnen und Coburger boten privat Übernachtungsmöglichkeiten an. Und schnell war klar, dass das alles nicht reichen wird. Es wurden Notunterkünfte organisiert in diesen Tagen, weil viele der Menschen, die zu uns gekommen sind, sich nicht sicher waren, ob sie wiederkommen könnten, wenn sie zurück in die DDR gingen. Und meine sehr geehrten Herren, diese Solidarität von jung und alt, von jungen Menschen, von Rentnerinnen und Rentnern ging zwar quer durch alle Schichten, in diesen ersten Tagen, in der gesamten Stadt, in der gesamten Region. Das war - das darf ich ihnen versichern - ein unbeschreibliches Ereignis, das so alle nicht missen möchten. Ich selbst steckte übrigens in diesen Tagen im Wahlkampf. Am 1.April 1990 wurde ich quasi mitten im Wendeaufbruch Oberbürgermeister. Und ich denke, ich kann meine Amtszeit unter dem Motto des Gestaltens der Einheit vor Ort sehen. Durch dieses Öffnen der Grenze hat der Coburger Arbeitsmarkt mit seiner durchaus starken Wirtschaft mehr als 5.000 neue Arbeitsplätze zu verzeichnen. Die meisten von Pendlern aus Thüringen. Was für die Wirtschaft gut ist, bedeutet für die Verkehrswege oft das Gegenteil. Und auch wenn in den vergangenen zwanzig Jahren viel in die verkehrliche Infrastruktur investiert wurde, es wird noch Jahre dauern, bis die Region in Sach- und Infrastruktur zusammengewachsen ist. Über vierzig Jahre hat ja kein Mensch daran gedacht, dass man vielleicht irgendwann einmal nördlich von Coburg ein Ziel haben könnte. Die Autobahn A 73 zwischen Nürnberg und Erfurt wurde übrigens vor zwei Jahren fertiggestellt: 18 Jahre nach der deutschen Einheit! Herr Dr. Vogel, Sie können sich gut daran erinnern. Und wenn man sich überlegt, dass unser Verkehrsprojekt Deutsche Einheit 18 Jahre brauchte, um realisiert zu werden, wäre es auch einmal eine Überlegung wert, was in diesem Land vielleicht ein bisschen zu ändern wäre.
Und heute zwanzig Jahre nach der Deutschen Einheit besteht noch ein Fördergefälle zwischen Bayern und Thüringen, auch das, Herr Dr. Vogel, kennen sie. Vieles ist in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten Normalität geworden. Schöne Normalität. Natürlich begegnen wir uns auf der kommunalen Ebene mit den Kollegen in Hildburghausen, in Eisfeld, in Sonneberg wie mit jedem bayerischen Kollegen. Wir haben viele gemeinsame Projekte realisiert. Wir sind, wenn man es so formuliert, wir sind auf dem Weg, wir sind auf einem guten Weg. Aber den Weg, den wir frei und demokratisch selbst gewählt haben. Und wenn ich etwas zu kritisieren hätte, dann die Tatsache, dass wir einen Teil der Solidarität dieser ersten Jahre heute nicht mehr in diesem Maße erleben. Wenn sich Euphorie abschwächt, aber dass sich Euphorie abschwächt, das liegt wohl in der Natur der Euphorie. Bevor ich zu Ende komme, meine sehr geehrten Herren, will ich an dieser Stelle noch ganz ausdrücklich den Coburger Convent, wie dies einige meiner Vorredner getan haben, würdigen: Der Coburger Convent mit seinen Bünden hat sich auch zu Zeiten des geteilten Deutschlands immer stets als gesamtdeutsche Organisation verstanden und stets als Mahner der deutschen Einheit und ich kann es ganz sicher aus meiner Sicht beurteilen, an der einen oder anderen Stelle ist es auch angeklungen, aber es ist mir wichtig festzustellen, ich glaube nicht wegen der Botschaft mahnen, anmahnen der deutschen Einheit, sondern ich glaube, die Diskussion in Coburg hat sich vielfach entzündet an der Art und Weise, an dem Ausdruck dieses Anmahnens. Wir haben gesprochen von der Mahnstunde und die Mahnstunde - ich als Coburger kann das beurteilen - war sicher immer ein gutes und wichtiges Ereignis für alle Coburgerinnen und Coburger in der Stadt. Die Diskussion hat sich darüber entzündet, ob das Absingen der ersten Strophe des Deutschlandliedes angemessen ist. Da will ich meine Coburgerinnen und Coburger ein bisschen in Schutz nehmen an dieser Stelle. Und ich freue mich natürlich riesig, dass sofort nach Öffnung der Grenze die Mahnstunde der Feierstunde gewichen ist. Und seit zwanzig Jahren feiern wir auf dem Coburger Marktplatz die deutsche Einheit. Nicht nur heute zu diesem Jubiläum, und dafür bin ich dem Coburger Convent mit allen seinen Bünden sehr dankbar, denn der Coburger Convent war immer der Einheit Deutschlands im Positiven verpflichtet. Ich gebe gerne zu, auch das muss an einem solchen Anlass gesagt werden, wenn man heute Verantwortung trägt, als Oberbürgermeister für die Kongressstadt des Coburger Convents. Ich gebe gerne zu, als junger Coburger, aufgewachsen mit der Grenze und an der Grenze. Wir haben Coburg nur an der Grenze erlebt. Für uns junge Coburger war die deutsche Einheit Utopie. Anders war es für die Generation, die ein vereintes Deutschland noch erlebt hat. Und meine sehr geehrten Herren, die Geschichte hat Ihnen Recht gegeben und wir sind glücklich und dankbar dafür.
Zwanzig Jahre deutsche Wiedervereinigung sind ein Anlass zurückzublicken, wie wir es bei vielen Anlässen in diesen Tagen tun, zurückzublicken in Dankbarkeit und durchaus auch mit Stolz, auf das, was in diesen zwanzig Jahren geleistet und erreicht wurde .Aber wenn ich eingangs gesagt habe, dass wir noch auf dem Weg sind, auf dem Weg tatsächlich zur inneren Einheit, dass uns Ossi und Wessi gar nicht mehr in den Sinn kommt, Herr Dr. Vogel, Sie haben auch von Ossi und Wessi gesprochen, wir haben uns heute noch begegnet, einheitliche Lebensverhältnisse, ich glaube auch das müssen wir uns an einem heutigen Tag vergegenwärtigen und deswegen bei allen Feierlichkeiten und Festakten zu zwanzig Jahren Wiedervereinigung ist es mir wichtig, mitzunehmen, dass es einen Auftrag auch gibt, aus diesem Tag, aus diesen Feierlichkeiten, damit tatsächlich zusammen wächst, was zusammen gehört. Und an diesem Auftrag weiter zu arbeiten, am Zusammenwachsen, am inneren Zusammenwachsen Deutschlands weiß ich den Coburger Convent, meine Herren, an meiner Seite und auf unserer Seite und da bin ich dankbar, in diesem Sinne ein Vivat, crescat, floreat! dem Coburger Convent, fides ad eternam???


