Rede zum Deutschlandkommers 2010 in Stuttgart am 25.09.2010
Rainer Wieland, Vizepräsident des EP
Ich bin dankbar für die Einladung zu diesem Deutschlandkommers und bin sehr gerne gekommen. Ich bin, wenn ich das sagen darf, stolz auf einen Verband, der auch nach der deutschen Einheit diese Daten würdigt und begeht. Herr Ministerpräsident Vogel hat mich vorher gefragt, ob ich schon in Jena war. Da habe ich gesagt, selbstverständlich, ich singe dieses Lied sehr gern, ich sing es auch hinreichend textsicher, aber ich habe es schon sehr lange nicht mehr in so großer Runde, mit so vielen stimmkräftigen gesungen. Ich will gerne gestehen, dass mir bei der Strophe „Oh Vaterland, wie bist du so schön“ ein wenig die Stimme weggeblieben ist. Was den Vergleich zwischen dem besten und zweitbesten Dichter anbelangt - und ich bin Gerlinger, wo die Familie die längste Zeit ihres Lebens gemeinsam verbracht hat - und den vom schönsten und zweitschönsten Bundesland angeht, sage ich, Herr Ministerpräsident, Ihren Vergleichen bin ich gerne gefolgt und ich gestehe, dass ich Ihnen gönne, dass sie nachher die letzte Strophe des letzten Liedes singen müssen.
Bei der Einleitung des Kommersleiters fiel noch einmal das Wort der ewig Gestrigen. Es hat sich erwiesen, wir sind nicht die ewig gestrigen. Wir sind und wir waren immer - und wenn wir es richtig machen - sind wir auch weiterhin die ewig Heutigen. Wir haben das Konventsprinzip, das man neudeutsch vielleicht basisdemokratisch nennt. Wir haben den Lebensbund, was man Neudeutsch vielleicht Nachhaltigkeit nennt. Wir haben das Coleurprinzip, was man heute vielleicht mit „Flagge zeigen“ oder mit Commitment übersetzen sollte. All diese Dinge, die die, welche uns immer ewig Gestrige schimpfen, neu erfinden, sind für uns im Grunde alte Hüte. Sie sind normal, sie sind im Bundesleben verankert und wir sind auch interdisziplinär zwischen den Generationen und zwischen den Fakultäten. Deshalb war es für uns heute kein ewig gestriges, sondern ewig heutiges Geschimpfe.
Wichtig war immer die Frage, welche Herausforderung die Zukunft bringt. Deshalb war es für uns immer Verpflichtung, wenn wir in Coburg waren, Herr Oberbürgermeister Kastner, …in den Schatten dieser Grenze zu gehen, nicht nur nach Seßlach, nicht nur zum Marktfrühschoppen, sondern auch immer wieder an diese Grenze. Und wenn wir Gesamtdeutsche Tagung hatten, dann war es wichtig, immer auch in den Schatten der Mauer zu gehen, so wie Karl-Georg zu Guttenberg d.Ä. geschrieben hat in seinen Fußnoten: “Wenn ich in Berlin bin, habe ich es mir zur Pflicht gemacht, an die Mauer zu gehen.“ Wir sind die, die in dieser Frage im übertragenen Sinne diejenigen, die nicht vom Breitenstein gewichen sind. Wir sind auch deshalb die ewig Heutigen, weil wir uns, wie Sie, Herr Ministerpräsident, auch einmal haben anklingen lassen, uns immer dessen bewusst waren, wo wir herkommen und wo wir nicht mehr hin wollen. Als mich mein späterer Bundesbruder Öttinger aufs Haus geführt hat, aufs Ulmer Haus nach Tübingen, war einer meiner ersten Wege ins Bundesarchiv. Mich beschäftigt heute zuweilen, dass ich dort an ein altes Conventsprotokoll geraten bin, wo handschriftlich, ganz akkurat im Sommer 1914 eingetragen war: „Da der Kriegszustand erklärt ist, wird das Semester geschlossen. Das Vaterland ruft, wir folgen.“ Und es folgten vier Jahre nur Nachrichten von Bundesbrüdern, die in halb Europa gefallen sind. Nur wer sich des Gestern bewusst ist, kann heute in der Lage sein, die Zukunft zu gestalten. Das haben wir in unserer Präambel am 23.Mai 1949 aufgeschrieben. Und wir haben es nach der Einheit fortentwickelt, dass wir als gleichberechtigtes Mitglied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt dienen wollen. Deshalb, Herr Kommersleiter, bin ich Ihnen auch dankbar, dass Sie den heutigen Tag in einen europäischen Kontext gestellt haben und diesen europäischen Kontext messen wir im Kleinen wie im Großen. Im Kleinen, dass wir sehen, wo wir stehen, wo wir sind gerade hier an diesem Platz, wo viel über diesen Platz in der Republik geschrieben wird - ich kann mir das nicht ganz verkneifen - wo einige so tun, als ob wir mitten in der Stadt ein atomares Endlager bauen wollten. In einem Land, in dem eine der Wiegen der Mobilität steht, in einem Land, wo wir mit Donau und Rhein die kulturellen und historischen Pulsadern am Rande entlang oder mittenheraus entsprungen haben, an einem Platz, wo wir eine große technische Tradition an der Universität haben, wird der Versuch unternommen, ob irgend wo zwischen einer Trasse, die entlang Mailand Ost und West dieses Kontinents verbindet, und zwischen einer Trasse, die Frankfurt, Ingolstadt und Passau verbindet, wird der Versuch unternommen, diese bedeutende Region in den Verkehrsschatten der Zukunft versinken zu lassen. Ich sehe Sie nächsten Donnerstag vor dem Staatstheater. Dies gilt aber auch im Großen. Wir sind zum Glück vereint als Deutsche und als Europäer. Wir sind von Freunden umzingelt. Unsere jungen Leute haben die Chance, dieses Jahrhundert so zu beginnen, wie das letzte Jahrhundert aufgehört hat und haben die Chance, nicht so beginnen zu müssen, wie das letzte Jahrhundert angefangen hat. Wir sollten uns immer wieder dieser Chance bewusst sein. Wir sollten als Ingenieure, als Geisteswissenschaftler, als Wirtschaftswissenschaftler die Herausforderung dieser Zukunft anzunehmen. Wir sollten es als Junge tun und als Alte mithelfen, dass wir als bodenständige und weltoffene Menschen, als neugierige und selbstbewusste Menschen die Chancen ergreifen. Es geht und wird Deutschland nicht gut gehen, wenn es dem Kontinent schlecht geht. Und Deutschland hat viel anzubieten in diesem Kontinent. Und ganz in diesem Sinne gilt auch heute für mich der bekannte Satz: „Und handeln sollst du so, als hinge von deinem Tun allein das Schicksal ab, der deutschen Dinge und die Verantwortung allein. In diesem Sinne wünsche ich unserem deutschen Vaterland, dem geeinten Kontinent ein Vivat, crecat, floreat! und wünsche dem Verband, dass er auch im nächsten Kapitel, Herr Ministerpräsident, im nächsten Kapitel dieser Geschichte den Herausforderungen standhalten kann.
Hohes Präsidium, meine sehr verehrten Herren Farbenbrüder, Waffenbrüder, Verbandsbrüder, Freundschaftsbrüder und Bundesbrüder, meine Herren jeglicher Ehre, liebe Gäste,


