• Facebook
  • Twitter
  • Rss
Dokumentation › Texte › 

A. Thesen des Coburger Convents zur Hochschulentwicklung

  1. Ein inhaltlicher Reformbedarf der Hochschulausbildung in Deutschland wird vom Coburger Convent nicht gesehen. Die grundlagenorientierte und breit angelegte Universitätsausbildung wie auch die anwendungsnahe, aber gut fundierte Fachhochschulausbildung hat sich zu einem Markenzeichen entwickelt und ist auch international ein wesentlicher Wettbewerbsvorteil des Absolventen einer deutschen Hochschule.
    Reformbedarf besteht im Wesentlichen in der organisatorischen Ausgestaltung des Studienablaufes und der Arbeitsweise der Hochschulen.
     
  2. Die Unterscheidung zwischen Fachhochschul- und Hochschulstudiengängen in ihren unterschiedlichen Zielsetzungen hat sich insbesondere im Hinblick auf die Erwartungsstruktur der Studenten der jeweiligen Richtungen sowie des Arbeitsmarktes bewährt und sollte strikt durchgehalten werden. Eine Schärfung der Profile führt somit zu einer Steigerung von Studienzufriedenheit und Studienleistungen.
     
  3. Das klassische (Universitäts-)Diplom oder vergleichbare Abschlüsse müssen daher weiterhin Standardabschlüsse sein. Um die internationale Vergleichbarkeit der Abschlüsse zu vereinfachen und um definierte Übergangsmöglichkeiten zwischen in- und ausländischen Studiengängen zu schaffen, ist eine zusätzliche Vergabe von Abschlüssen nach angloamerikanischem Standard sinnvoll. Durch internationale Absprachen im Rahmen von »Kreditpunktsystemen« kann die angestrebte Durchlässigkeit unterstützt werden. Als nicht sinnvoll wird die organisatorische Trennung zwischen Diplomstudiengängen und solchen des angloamerikanischen Systems angesehen. Daher werden das Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie die Kultusminister der Länder aufgefordert, die in § 18 und 19 des Hochschulrahmengesetzes vorgesehene Trennung dieser Studiengänge voneinander aufzuheben und die Voraussetzungen für eine parallele Vergabe der Titel »Diplom« und »Master« zu schaffen. Der »Bachelor« soll in Universitätsstudiengängen nur als Schnittstelle für international wechselwillige Studenten angeboten werden. Als Regelabschluß ist er nicht sinnvoll.
     
  4. Internationale Attraktivität erhalten deutsche Hochschulen durch die konsequente Weiterentwicklung ihrer Eigenheiten, nicht durch Anpassung an fremde Strukturen. Eine gute Ausbildung und gute Arbeitsbedingungen sind hierfür wichtig und vorrangig zu verbessern.
     
  5. Forschung ist der Kernpunkt der universitären Ausbildung. Ein früher Kontakt des Studenten mit der Forschung ist Garant einer guten und auch schnellen Ausbildung an den Universitäten. »Bummelstudenten« fehlt meist aufgrund mangelnden Bezugs zur Forschung ein klares Ausbildungziel.
     
  6. Die politische Einflußnahme auf Studienordnungen und Studiengangskonzeptionen soll sich durch Rahmenordnungen auf das zur Koordination notwendige Maß beschränken. Langfristige Planungssicherheit ermöglicht erst eine sinnvolle Strukturentwicklung und somit effektives Arbeiten. der Hochschulen.
    Eigenverantwortlicher Umgang mit dem zugewiesenen Haushalt, Freiheit in der Personalplanung und in dem Umgang mit Liegenschaften erlauben einen sinnvolleren Einsatz dieser Mittel als politische Fernvorgaben.
     
  7. Die Evaluierung und Akkreditierung von Studiengängen darf nur durch Institutionen durchgeführt werden, deren Unparteilichkeit von allen Seiten akzeptiert wird.
     
  8. Eine Entbürokratisierung der Hochschulen sorgt für bessere Arbeitsmöglichkeiten. Entscheidungen über Inhalte und Strukturen sollen von denjenigen getroffen werden, die sie langfristig umsetzen müssen. Aufgeblasene Gremien und Mitbestimmungsmöglichkeiten haben viel zur Unbeweglichkeit der Hochschulen beigetragen.
     
  9. Deutschlands Forschungslandschaft krankt nicht daran, daß zu wenig Ideen vorhanden sind, sondern daran, daß zu wenige dieser Ideen umgesetzt werden können, da die Förderungsmöglichkeiten nun einmal begrenzt sind. Eine weitere Erhöhung der Zahl der Bewerber um diese Forschungsgelder wird die Entstehung leistungsfähiger und international konkurrenzfähiger Strukturen eher verhindern als fördern.
     

 

B. Erläuterungen

 

I. Reformziele

Die derzeitigen Aktivitäten zur Umgestaltung der Studienlandschaft in unserem Land verfolgen im Wesentlichen folgende Ziele

  • zeitliche Straffung des Studiums verbunden mit einer Kostensenkung für den Staat
  • internationale Vereinheitlichung von Studiengängen
  • zielgenauere Ausbildung auf derzeitige Anforderungen möglicher Arbeitgeber, dabei Verzicht sowohl auf Breite als auch an Tiefe
  • Angleichung des FH-Personals an U/TH-Personal bezüglich der Beamtenstellung

 

II. Reformbedarf

Bei isolierter Betrachtung der rein deutschen Verhältnisse, bzw. unseres Hochschulsystems von Universitäten/ THs einerseits und FHs andererseits, besteht prinzipiell kein struktureller Reformbedarf.

Es sind bei der Diskussion der vor Einführung der B/M-Studiengänge bereits vorhandenen Diplom- und Magister-Studiengänge keinerlei inhaltliche oder strukturelle Mängel der letzteren heraus gearbeitet oder gar angeprangert worden!

Erschreckend dagegen ist die mit ca. 40 % bezifferte Abbrecherquote an den deutschen Hochschulen. Diese Ziffer bedarf dringend einer sozialwissenschaftlich-psychologischen Aufarbeitung.

Da das Deutschland des 3. Jahrtausends politisch eingebunden ist in Europa, das transatlantische Bündnis und den Welthandel, und damit wirtschaftlich von Import (vor allem von Rohstoffen) und Export (vor allem hochwertiger Industriegüter) in hohem Maße abhängig ist, ist eine verbesserte Internationalisierung des höheren Bildungswesens im Interesse der Industrie und der Politik, aber durchaus auch im Interesse der künftigen Universitäts- und Hochschulabsolventen zu sehen.

 

III. Auswirkungen der Einführung von Bachelor-/ Master-Studiengängen

 

  1. Erleichterung des Auslandsstudiums deutscher Studenten, auch in Studienanteilen, was zur Lebenserfahrung, dem Erwerb von Fremdsprachenkenntnissen und zum Kennenlernen von Mentalitäten fremder Länder erheblich beiträgt. Das gleiche gilt umgekehrt für Ausländer an deutschen Hochschulen.
  2. Die stärkere Internationalisierung in der Studentenschaft der deutschen Hochschulen bringt logischerweise entsprechende Veränderungen auch im Mittelbau und der Professorenschaft durch Erleichterung der rechtlichen Einstufung mit sich.
  3. Es wird das Verlassen der Hochschule nach dem ersten berufsqualifizierenden Abschluß »Bachelor»ermöglicht, wodurch wahrscheinlich viele potentielle Abbrecher motiviert werden könnten; dies jedoch nur, wenn entsprechende Berufsfelder eröffnet werden. Andererseits wird genau diese Möglichkeit dem Image des »Bachelors« Schaden zufügen. Den Naturwissenschaftlern dieser Stufe stünde eine Tätigkeit z. B. als Technische Assistenten aus tarifrechtlichen Gründen derzeit nicht offen.
  4. Der »zweite berufsqualifizierende Abschluß«, « Master«, würde dem Diplom/ Magister äquivalent sein und wird wohl angestrebter Standardabschluß bleiben. Ob dies aber dem politischen Willen entspricht, ist offen.
  5. Absolventen mit Bachelor-Grad allein sind – von seltenen Ausnahmen abgesehen – von der Promotion zum Doktor ausgeschlossen.
  6. Die Anzahl und Diversität von Grenzfeld-Studiengängen, d.h. Studiengängen, die verschiedene, klassische Gebiete überbrücken, wird erheblich ansteigen, wodurch womöglich mehr Interessenfelder der Studierenden abgedeckt werden können. Andererseits wird eine Kleinteiligkeit von Studiengängen gefördert. Auch wird von potentiellen Arbeitgebern , die in Grenzgebieten zwischen zwei Disziplinen tätig sind, meist gefordert, daß der Einzustellende in seiner eigenen Disziplin rundum sicher ist und zu den Nachbardisziplinen Kommunikationsfähigkeit aufgebaut hat.
  7. Es werden sich im Laufe der Jahrzehnte die Unterschiede zwischen Fachhochschulen und Universitäten verwischen. Das liegt einerseits daran, daß Fachhochschulprofessoren (z. Zt. Besoldungsstufe C3 bei nicht geforderter Habilitation) die Gleichstellung mit Hochschulprofessoren (Möglichkeit von C4), Promotionsrecht für ihre Einrichtungen und Gleichstellung mit Hochschulen in Bezug auf Forschung und dazu bereitzustellender Mittel anstreben. Da sich die Bildungshoheit nicht in einer Hand befindet, ist vorauszusehen, daß einzelne Bundesländer in diesen Punkten nachgeben und damit den ursprünglichen Bildungsauftrag der Fachhochschulen, nämlich angewandt, nahe am Berufsfeld ihrer Absolventen auszubilden (Gegensatz: Universitäten und THs mit ihrer wissenschaftsorientierten Ausbildung), verwässern. Beispielsweise hat die Vereinigung von Hochschule und Fachhochschule zu »Gesamthochschulen« in Nordrhein-Westfalen und Hessen dort zu einer Verkümmerung beachtlicher Teile des Fachhochschulprofils geführt.

 

IV. Verschiedene Anforderungsprofile für Studienabsolventen

Die Ausbildung an den Hoch- und Fachhochschulen soll sich an den Anforderungsprofilen der künftigen Arbeitgeber der Absolventen dieser Einrichtungen orientieren. Es lassen sich grob zwei klar unterschiedliche Anforderungsprofile feststellen, die mit geringen "Überschneidungen" nebeneinander existieren. Im derzeitigen deutschen Hochschulsystem werden an den Fachhochschulen "gehobene Anwender" vorhandenen Wissens ausgebildet. Universitäten und Technische Hochschulen hingegen bilden die Studenten zu "Erarbeitern" neuen Wissens heran. Das Recht auf Promotion und Habilitation ist auf letztere begrenzt. Diese Unterteilung der obigen Anforderungsprofile existiert ebenfalls in den Hochschulsystemen anderer großer Länder.

 

1. Inhalte und Ziele der Ausbildung

Zielsetzung eines Universitätsstudiums (Profil »Erarbeiter«) ist die Aneignung einer breiten Wissens- und Methodenbasis, um auf einem ausgedehnten Tätigkeitsfeld zu kreativer Arbeit fähig zu sein. Hierzu ist ein solides Faktenwissen wichtige Voraussetzung.

Profil eines Universitätsabsolventen (mit und ohne Promotion)

  • Breite Kenntnis der Strukturen, Problemstellungen und Lösungsstrategien im eigenen Fach
  • Fähigkeit, wissenschaftliche Ansätze anderer Fachgebiete für das eigene Gebiet zu nutzen
  • Fähigkeit zu eigenverantwortlicher Gestaltung seines Arbeitsfeldes
  • Fähigkeit zu breiter Informationsbeschaffung und -bewertung

Diese Fähigkeiten sind Grundlage einer Zulassung zur Promotion. Weitere Ergebnisse des Universitätsstudiums sollen sein:

  • Erfahrung in der Forschungsarbeit
  • Erwerb von »Führungswissen« im Studium
  • Einsetzbarkeit auch in Bereichen des Faches, die über den Studienschwerpunkt hinausgehen

Die Universitätsausbildung erfordert sowohl im Hinblick auf die Breite und Vertiefung (Studien-, Diplom- und Doktorarbeiten) einen angemessen längeren Zeitraum.

Zielsetzung eines Fachhochschulstudiums (Profil »Anwender«) ist die Vermittlung einer Wissens- und Methodenbasis, um auf einem enger begrenzten Tätigkeitsfeld zu anspruchsvoller Arbeit fähig zu sein.

Profil eines FH-Absolventen

  • Kenntnis der Problemstellungen und Lösungsmöglichkeiten im eigenen Fach
  • Faktenwissen als Basis schneller Problemlösung in der alltäglichen Anwendung
  • Methodenwissen zu weiterführenden Tätigkeiten
  • Umfeld- und Führungswissen
  • Zielgerichtete Ausbildung auf Tätigkeit im Bereich des Studienschwerpunkts
  • Die Dauer der Ausbildung erfordert dementsprechend weniger Zeit .

 

2. Arbeitsmarkt für Absolventen beider Profile

Für beide Profile ist im Bereich der Wirtschafts- wie auch der Ingenieurwissenschaften national wie auch international ein Arbeitsmarkt vorhanden. Bei einigen speziellen Sozialwissenschaften liegt der Arbeitsmarkt eher im Bereich der FH-Absolventen. Jura, Medizin, Naturwissenschaften und das Gros der Geisteswissenschaften werden ausschließlich durch Universitätsabsolventen besetzt.

 

3. Verwirklichung der Profile

Im Folgenden werden die Hochschulstrukturen und die Zugangsregelungen der in der aktuellen Diskussion meistgenannten Staaten zusammenfassend vorgestellt

 

  • Deutschland
    Die unterschiedlichen Profile werden auf unterschiedlichen Hochschultypen angeboten. Die Auswahl eines Ausbildungsprofils erfolgt vor Beginn des Studiums durch die Wahl eines der profilgebundenen Ausbildungswege.
    Der Studienanfänger muß sich von vornherein über seine Interessen im Klaren sein. Eine gegenseitige Anerkennung von Studienleistungen zwischen verschiedenen Hochschultypen ist problematisch. Nur an wissenschaftlichen Hochschulen besteht die Möglichkeit zur Promotion.
     
  • Frankreich
    Das Studium gliedert sich in wahlweise zwei oder drei Phasen ( Baccalaureat , entspricht dem deutschen Grundstudium; Maitrise, entspricht dem Diplom bzw. Magister; »troisieme cycle«, entspricht der Promotion). Nach einem Jahr wenig differenzierten Grundstudiums werden die Studenten nach ihren Leistungen auf die verschiedenen Hochschulen verteilt. Hierbei haben die Studenten mit besseren Leistungen das Recht der ersten Wahl. Jede Ausbildungsstätte hat ihr eigenes Profil.. Ein Wechsel zwischen den Ausbildungseinrichtungen ist nicht vorgesehen.
     
  • USA
    Hier können beide Profile sequentiell durchlaufen werden. Ein Grundstudium, welches sowohl fachliche Grundlagen als auch Allgemeinbildung vermitteln soll und mit dem »Bachelor« abschließt, verleiht eine gewisse Verwendbarkeit im Profil »Anwender«, erfordert aber im Allgemeinen eine weitere Ausbildung durch den Arbeitgeber. Ein meist mit hohen Studiengebühren belegtes Aufbaustudium ( »graduate studies») vermittelt vertiefte Fachkenntnisse und die Befähigung zu wissenschaftlicher Arbeit. Das »Ranking« der Hochschule stellt den wesentlichen Maßstab für das Ansehen des Absolventen in der Öffentlichkeit und der Arbeitswelt dar.
     
  • Großbritannien
    Das britische System entspricht weitgehend dem amerikanischen.

Das deutsche wie auch das französische Ausbildungssystem tendiert zu einer Grundlagenorientierung, während im angelsächsischen System ein eher praktischer, zielorientierter Ansatz verfolgt wird.

 

V. Internationalisierung

Die vom Gesetzgeber angestrebte »Internationalisierung« der deutschen Hochschulen zielt in erster Linie auf eine Erhöhung der Anzahl ausländischer Studenten an deutschen Hochschulen. Davon erhofft man sich insbesondere einen Werbeeffekt für die deutsche Wirtschaft und Kultur. Weiterhin ist möglicherweise eine Unterstützung der Entwicklungshilfe beabsichtigt. Absolventen aus ärmeren Ländern werden darüber hinaus verstärkt versuchen in Deutschland Arbeit zu finden und somit das Angebot an Fachkräften auf dem deutschen Arbeitsmarkt vergrößern.

Für deutsche Studenten soll die Anrechnung von Studienleistungen und die Anerkennung von Examina, die im Ausland abgelegt wurden zur Norm oder zumindest vereinfacht werden. Davon erhofft man sich, daß im Ausland gewonnene Erkenntnisse über Kultur und Wirtschaft des Gastlandes für die deutsche Wirtschaft und Politik genauso genutzt werden können wie dort erworbene Fachkenntnisse. Die Internationalisierung des Arbeitsmarktes wird auch zu einer Vereinfachung der Abwanderung deutscher Absolventen ins Ausland führen.